↬ zeit.de: Hätte ich mal BWL studiert!

08. September 2015

Liebe BWL-Studenten, zuallererst: fettes Sorry. Als ihr mir von euren Plänen nach dem Abi erzählt habt, dachte ich: BWL, das ist was für Langweiler, Angepasste und alle, denen nix Besseres einfällt. Ich rauchte selbst gedrehte Zigaretten auf illegalen Partys. Mein Studium sollte meinen unangepassten Charakter unterstreichen und den Grundstein für mein zukünftiges Intellektuellendasein legen. Also studierte ich Geschichte.


↬ zeit.de: Wenn Rettung in die Katastrophe führt

07. August 2015

Als Anfang August ein Schiff mit 600 Menschen an Bord im Mittelmeer gekentert ist, habe ich für ZEIT Online mit Paula Farias von Ärzte ohne Grenzen und Martin Xuereb gesprochen, die Flüchtlinge in Seenot retten:

"Wir können das Sterben auf See lindern, aber nicht verhindern", sagt Xuereb. "Um es zu beenden, müssen wir den Menschen legale Wege geben, um nach Europa einzureisen. Die meisten Menschen, die über das Meer kommen sind Asylsuchende, die ein Recht auf Asyl haben. Wir müssen ihnen Wege geben, diese Rechte zu nutzen, ohne ihr Leben zu riskieren", sagt Farias.

Jetzt ist der Sommer vorbei, deshalb hören wir nichts mehr von Toten auf dem Mittelmeer. Aber nächsten Sommer wird es weiter gehen, wenn sich an der EU-Politik nichts ändert.


Einer Astronautin das Leben retten

05. Mai 2015

Als Taylor stirbt, bin ich gerade auf dem Weg zu einer Party. Es ist Samstagabend, die Luft ist mild um Mitternacht in Berlin Charlottenburg. Mein iPhone teilt mir tonlos mit, dass die Verbindung zu Taylor abgebrochen ist. Sie ist erfroren, weil ich die falsche Entscheidung gefällt habe. Ich schaue in den dunklen Himmel über mir, er blickt gleichgültig zurück. Und für einen Moment bin ich sehr traurig. Taylor war die einzige Überlebende eines abgestürzten Raumschiffs auf einem Mond da draußen. Sie war Studentin, ist nur mitgeflogen, weil sie ein Stipendium gewonnen hat. Taylor ist die Protagonistin des iPhone-Spiels Lifeline.

Lifeline ist ein textbasiertes Spiel für das iPhone. Als ich die App zum ersten Mal öffne, erscheint die erste Nachricht von Taylor: „Hallo? Funktioniert das Teil? Kann mich jemand hören?“ Zwei Antworten stehen zur Verfügung: „Wer spricht da?“ und „Ich kann dich hören.“ Und dann erzählt Taylor erstmal: Was passiert ist, wie es auf dem Mond aussieht. Und fragt dann: Soll sie erstmal die Umgebung erkunden, oder das abgestürzte Schiff untersuchen? Je länger das Spiel dauert, desto schwieriger werden die Entscheidungen: Soll Taylor eine Abkürzung durch einen Mondkrater nehmen, um den mysteriösen Berg auf dem Mond zu erreichen und so eine Verletzung riskieren, oder den langen Weg außen rum gehen und sich dem Risiko aussetzen, von der Nacht überrascht zu werden? Bei wichtigen Entscheidungen fragt Taylor dann auch zweimal nach. Bist du dir ganz sicher? Natürlich bin ich mir nicht sicher. Ich sitze beim Mittagessen in der Mensa in Berlin Mitte. Aber ich muss mich jetzt entscheiden. „Nimm die Abkürzung“, schreibe ich ihr.

Taylor hat Humor (wenn auch einen sehr amerikanischen) und bricht die Spannung gerne mit einem guten Spruch. Mit der Zeit wächst sie mir ans Herz. Und wenn sie schreibt, dass der Marsch zur Bergspitze einige Zeit dauern wird, lese ich „Taylor ist beschäftigt“ und muss ein paar Stunden warten, bis sie sich wieder meldet. So bekomme ich das Gefühl, dass da draußen tatsächlich irgendwo eine junge Astronautin auf einem kalten Mond herum stapft, die sich auf mich verlässt. Und ich trauere, als ich lese, dass Taylor erfroren ist, weil ich ihr geraten habe… nein, das müsst ihr schon selbst entscheiden.

Sobald Taylor das erste Mal gestorben ist, bietet mir das Spiel an, jede Entscheidung revidieren zu können. Ich muss dann nicht immer wieder von vorne anfangen, sondern kann zurückscrollen und mich an jedem Punkt der Geschichte umentscheiden. Und es gibt einen schnelleren Modus, in dem ich nicht darauf warten muss, dass Taylor ihren Marsch zur Bergspitze beendet hat. Aber das ist der Atmosphäre abträglich. Taylors Geschichte ist eher eine moderne Erzählung als ein Spiel. Es erinnert mich an Bücher aus meiner Kindheit, wo man an unterschiedlichen Stellen weiterlesen sollte, je nachdem, wie man sich entschied. Aber Taylors Nachrichten sind viel intimer. Sie taucht zwischen den Nachrichten meiner Freunde auf, meinen E-Mails und Benachrichtigungen. Aufgeregt erzählt sie mir von ihrer jüngsten Entdeckung. Und ich muss entscheiden: Soll sie das gruselige dunkle Schiffswrack erforschen? Oder lieber umkehren, um sicher wieder zur Schlafstätte zu kommen? Jetzt seid ihr gefragt. Taylor zählt auf euch.

Lifeline ist von 3 Minute Games und kostet drei Euro. Bisher ist das Spiel nur auf Englisch verfügbar.


Nudeln mit Tomatensoße

18. April 2015

tomatensosse-kochen

In der aktuellen Ausgabe des Zeit Magazins stellen berühmte Leute zwölf einfache Rezepte vor. Philipp Lahm schreibt von den Kartoffelklößen seiner Oma. Aber mal ganz ehrlich: Brauche ich das Zeit Magazin, um zu erfahren, wie Kartoffelknödel gehen? Oder Hummus? Oder Tomatensoße? Natürlich nicht.

Mir ist egal, wie Cem Özdemir seinen Hummus macht – im Netz gibt es genug Rezepte für sehr guten Hummus, erstellt von sehr unberühmten Menschen. Aber die zwölf Rezepte, die dort erschienen sind, müssen auch gar nicht neu sein. Worum es eigentlich geht, verrät das Magazin auf seiner doppelten Titelseite. „Zauberei?“ fragt mich da das Magazin – und versichert danach: „Ach was!“ Es soll inspirieren, mal wieder was leckeres zu kochen. Hat geklappt!

Ich habe deshalb gestern die Tomatensoße von Cornelia Poletto ausprobiert. Und das geht so:

Zutaten für circa einen Liter Soße
Und so wird’s gemacht

Zwiebel und Knoblauch klein schneiden, anbraten und mit dem Zucker ein wenig karamellisieren. Die Tomaten dazugeben und aufkochen lassen. Dann den Basilikum und die klein geschnittene Chilischote dazugeben und das Ganze für 30 Minuten auf kleiner Hitze köcheln. Fertig ist die Laube. Achja: Während ihr euch für eure Kochkünste feiert, natürlich nicht vergessen, die Nudeln zu kochen.


nudeln-fertig

Frau Poletto empfiehlt, San Marzano-Tomaten als Dosentomaten zu kaufen. Das sind italienische Flaschentomaten, die schwer zu züchten und damit deutlich teurer sind als „normale“ Dosentomaten (auf Amazon kostet eine Dose à 400 Gramm 2,30€). Ich habe versucht, die hier in der Nähe aufzutreiben, hatte aber kein Glück.

Im Internet bin ich dann aber auf diesen Dosentomatentestbericht der FAZ gestoßen. Dort kommen die San Marzano-Tomaten nur auf den zweiten Platz – den ersten holen die „Mutti Pelati Mediterranei Nuova Qualità“, was die herkömmlichen Dosentomaten der Firma Mutti sind. Die sind nicht nur erschwinglicher, sondern auch leichter zu bekommen.

Das habe ich allerdings erst nach meinem Einkauf gelesen, sodass ich diesmal das Vergnügen hatte, die Soße mit „Pomodoro Datterini“ zu machen, was sehr lecker war. Das Ergebnis ist eine sämige, süße, durchdringend rote Soße. Was ich eigentlich sagen wollte: Es ist schön, sich einfach mal was leckeres zu kochen. Und es gibt überraschend viele Tomaten bei Amazon. Guten Appetit!

Für Hungrige auch zu empfehlen: der Pasta-Test der FAZ und der Tiefkühlpizza-Test der Süddeutschen.


Fensterbankpoesie

05. April 2015

fensterbankpoesie


Die Frankfurter Küche

05. Mai 2014

frankfurterkueche

Eine Köchin eilt durch die Küche, hin und her, die Schürze flattert, die Zeit ist knapp, das Essen muss auf den Tisch. Hinter ihr steht eine Frau, sie hält eine Stoppuhr in der Hand. Konzentriert beobachtet sie die Köchin bei der Arbeit: wie sie die Töpfe aus einem Unterschrank holt (und sich dabei jedes Mal bückt), den Ofen heizt (und davor Holz hackt und den schmutzigen Ofen aufwendig reinigt) und die Lebensmittel aus ihren Porzellandosen holt (Staubfänger, die schnell zerbrechen).

Die Frau trägt kurze Haare statt langer Schürze und notiert genau, was sie vor sich sieht. Jede Sekunde stoppt sie, überwacht jeden Handgriff. Was hat sie in einer Frankfurter Küche verloren? Die Frau heißt Margarete Lihotzky, sie ist 29 Jahre alt und wird später eine ganze Stadt auf dem Reißbrett entwerfen. Aber noch ist es nicht soweit. Gerade, irgendwann im Jahr 1926, steht sie in Frankfurt in einer schwülen, dunklen Küche und erfindet mit Stoppuhr und Notizblock die Küche für die Frau von morgen. Als das Essen auf dem Tisch steht, blickt sie in das rote Gesicht der geschafften Hausfrau am Esstisch. Da weiß sie: das kann so nicht weiter gehen. Das muss besser gehen.

Die Möglichkeit dafür bekam die Wienerin Lihotzky vom Architekten Ernst May. Einige Jahre vorher hat sie May die Wiener Wohnprojekte für Kriegsversehrte des Ersten Weltkriegs gezeigt, an denen sie als Architekturstudentin mitgearbeitet hat. Im November 1925 ruft May sie aufgeregt an. Er sei Stadtrat in Frankfurt am Main geworden, ob sie nicht für ihn arbeiten wolle?

Die Wohnsituation in Frankfurt ist zu Mays Amtsantritt desaströs: Tuberkulose grassiert, viele Häuser sind nicht an die Kanalisation angeschlossen und verfügen nicht über fließend Wasser. May steckt voller Ideen und ist trunken vor Tatendrang. „Alles neu macht der May“ singen die Kinder in den Straßen Frankfurts. Er will ihr das Dreifache von dem zahlen, was sie erwartet. Lihotzky sagt zu.

May plant, große Mengen von Wohnungen in möglichst kurzer Zeit errichten, am Ende werden es 15.000 sein. Billig sollen sie sein und industriell herstellbar, wie ein Massenartikel. Er baut als erster in Deutschland Häuser aus großen Betonplatten, lässt dafür extra eine Fabrik errichten. Und er stellt Lihotzky ein, die mit Stoppuhr und Notizblock auszieht, die Hausarbeit effizient zu machen. „Neues Bauen“ wird ihr Vorhaben genannt, im Neuen Frankfurt für den Neuen Menschen – und die neue Hausfrau.

Das Ziel ist, so viel Platz und Zeit wie möglich zu sparen. Gerade mal sechs Quadratmeter groß ist ihre Küche; sie wird direkt in die Wohnungen eingebaut und über die Miete bezahlt. Arbeiter sollen in ihr wohnen, bescheidene Leute. Fünf Mark kostet ihre Küche die Mieter pro Monat, so viel wie ein Stück Butter.

Um Platz zu sparen werden die Vorratsdosen durch beschriftete Aluminiumschütten ersetzt, die sich wie Schubladen aus dem Schrank ziehen lassen. Die Hängeschränke haben keine sperrigen Türen, an denen man sich den Kopf stoßen kann, sondern verglaste Schiebetüren. Der Ofen wird mit Gas befeuert, er erhitzt jetzt nicht mehr die ganze Küche, sondern nur noch das Essen. Die Arbeitsplatten werden so angebracht, dass im Sitzen gearbeitet werden kann und haben ein Loch, durch das Arbeitsabfälle direkt entsorgt werden können. Kein Tischbein steht im Weg, an dem man sich die Füße stoßen kann. Sogar für ein Bügelbrett findet sich Platz. Es wird kein Zentimeter verschenkt.

Als Margarete Anfang 1926 in das Büro von Ernst May stolpert, ist sie noch empört über den Schriftzug „Fasse dich kurz“, der in großen roten Buchstaben an seiner Bürowand prangt. Die von ihr entworfene Küche tut dann genau das: sie fasst Arbeitswege und Handgriffe zusammen und macht Platz für das Wesentliche – die Dinge, die außerhalb der Küche passieren.

Man ist schnell versucht, Lihotzkys Küche zu einem Schritt nach vorn für die Frauenbewegung zu zählen – aber so einfach ist es leider nicht. Später wird sie sagen, dass sie in ihren jungen Jahren nie gedacht hätte, eine Frau würde jemals ein Haus planen und bauen dürfen. Lihotzkys Küche isoliert die Frau. Hier ist kein Platz für Männer oder Kinder, die Küche ist kein Ort der Gemeinschaft mehr, sondern eine kleine Fabrik. Die Frau, für die Lihotzky ihre Küche entwirft, lebt in einer Wohnung, die außerhalb der geschäftigen Stadt liegt.

Das Kochen ist kein emotionaler Akt mehr, die Familie am Herdfeuer ist ein Bild aus der Vergangenheit. Kochen hat das fertige Gericht zum Ziel, das der Energiegewinnung dient. Das Kochen soll schnell gehen, in der Küche von Lihotzky ist es eine Last, ein Übel, das man ertragen muss und das sie mildern will. Lihotzky selbst hasst es, zu kochen. Aber ihre Frankfurter Küche ist die Vorgängerin der heute überall verbauten Einbauküche.

Lihotzky will Wohnungen bauen, die ausschließlich über fest verbautes Mobiliar verfügen. Um Platz zu schaffen, aber auch, weil sie eine Zukunft sieht, in der man mit wenigen Koffern den Wohnort wechseln kann. Sie entwickelt keine Möbelstücke, sie entwirft einen Lebensstil. Einen Lebensstil, der dem heutigen sehr nahe kommt. Und eine Hausfrau, die nicht mehr den ganzen Tag in der Küche verbringt, hat den Kopf frei für neue Ideen. Dafür steht nicht nur die Frankfurter Küche Modell, sondern auch Margarete Lihotzky selbst. Auch wenn die Frau mit den kurzen Haaren und der Stoppuhr das nicht merkt, als sie 1926 die Köchin bei der Arbeit beobachtet.