↬ Zeit Magazin: Einer geht rein

27. November 2015

Wolfgang Bauer schreibt im Zeit Magazin über Georg Langenbeck, der sechs Jahre ins Gefängnis muss:

Der Staat schlägt dem Verurteilten nicht mehr die Glieder ab, er raubt ihm die Zeit. Die Jahre, die Monate, die Tage. Das Räderwerk der Haftanstalt misst bis auf die Stunde genau. Den Menschen, den der Staat nicht mehr kontrollieren konnte, zwingt der Staat in seine Kontrolle zurück.

In der Haft hat er fast völlige Verfügungsgewalt über ihn. Er entscheidet, wann der Gefangene aufsteht, was er anziehen, wie oft er sich duschen darf, was und wann er isst. Der Staat zerlegt im Gefängnis die Zeit des Insassen in kleine und kleinste Einheiten und bestimmt exakt, was innerhalb dieser Zeiteinheiten passiert. Das Gefängnis ist eine Machtdemonstration. Mit ihm entledigt sich die Gesellschaft derer, die ihr schaden. Es schützt die Welt draußen vor der Welt drinnen.

Als ich noch in der Schule war, gab es mal eine Diskussion darüber, ob Gefängnisse eine zu harmlose Strafe seien. „Die können ja sogar fernsehen!“ war einer der Sätze, die da fielen. Der Vater einer Freundin arbeitet in einem Gefängnis und sagte mir dazu, dass das Quatsch ist. Freiheitsentzug, sagte er mir, ist eine schreckliche Strafe, egal ob in der Zelle ein Fernseher steht.


Eine Pasta für nach Mitternacht

03. November 2015

Viel trinken, viel tanzen und viel lachen ist ein luxuriöser Exzess, der keinen ekligen Döner als Abschluss verdient, sondern diese dekadente Nachmitternachtspasta, die alle vier Kriterien eines Gerichts für betrunkene Heimkehrer erfüllt:

  1. Man braucht nur sechs Zutaten, von denen man vier sowieso immer da hat.
  2. Es ist so einfach, dass es komplett ohne Mengenangaben auskommt.
  3. Zubereitungszeit: Kochzeit der Nudeln + zwei Minuten.
  4. Gerade aus versehen ein Stockwerk zu tief aufzuschließen versucht? Egal. Das Gericht gelingt immer.
Zutaten
So wird’s gemacht

Die Nudeln kochen. Kurz bevor die Nudeln fertig sind, ein großes Stück Butter in einer beschichteten Pfanne schmelzen. Damit die Butter nicht verbrennt, einen Schluck Nudelwasser dazugeben. Die WG-Küche gibt keine Butter her? Olivenöl geht auch.

Die Nudeln abgießen und dabei einen Teil des Nudelwassers in einem Glas auffangen. Die Nudeln zur Butter-Wasser-Mischung geben, mit vielviel Pfeffer würzen und vielviel geriebenen Parmesan darüber geben (hier lohnt sich ausnahmsweise der fein geriebene Tütenparmesan mal). Salzen und umrühren.

Wenn der Käse beim Rühren geschmolzen ist, sollte eine cremige Soße entstehen. Falls nicht, einfach etwas Nudelwasser hinzugeben. Zu flüssig? Mehr Parmesan. Nochmal pfeffern und servieren.

Mit einem großen Glas Wasser servieren. Satt und zufrieden ins Bett fallen.

Schnell noch die Begleitung beeindrucken

Eigentlich heißt das Rezept Cacio e Pepe, was „Käse und Pfeffer“ in irgendeiner Abart des Italienischen heißt. Nachmitternachtspasta habe ich mir ausgedacht und klingt viel besser. Eins noch: Wenn man die leere Pfanne mit warmem Wasser und einem Schuss Spüli über Nacht stehen lässt, ärgert man sich am nächsten Tag nicht über ein klebriges Abwaschdesaster. Gern geschehen. Guten Appetit.


Umgezogen

05. September 2015

umgezogen


↬ zeit.de: Hätte ich mal BWL studiert!

08. September 2015

Liebe BWL-Studenten, zuallererst: fettes Sorry. Als ihr mir von euren Plänen nach dem Abi erzählt habt, dachte ich: BWL, das ist was für Langweiler, Angepasste und alle, denen nix Besseres einfällt. Ich rauchte selbst gedrehte Zigaretten auf illegalen Partys. Mein Studium sollte meinen unangepassten Charakter unterstreichen und den Grundstein für mein zukünftiges Intellektuellendasein legen. Also studierte ich Geschichte.


↬ zeit.de: Wenn Rettung in die Katastrophe führt

07. August 2015

Als Anfang August ein Schiff mit 600 Menschen an Bord im Mittelmeer gekentert ist, habe ich für ZEIT Online mit Paula Farias von Ärzte ohne Grenzen und Martin Xuereb gesprochen, die Flüchtlinge in Seenot retten:

"Wir können das Sterben auf See lindern, aber nicht verhindern", sagt Xuereb. "Um es zu beenden, müssen wir den Menschen legale Wege geben, um nach Europa einzureisen. Die meisten Menschen, die über das Meer kommen sind Asylsuchende, die ein Recht auf Asyl haben. Wir müssen ihnen Wege geben, diese Rechte zu nutzen, ohne ihr Leben zu riskieren", sagt Farias.

Jetzt ist der Sommer vorbei, deshalb hören wir nichts mehr von Toten auf dem Mittelmeer. Aber nächsten Sommer wird es weiter gehen, wenn sich an der EU-Politik nichts ändert.


Einer Astronautin das Leben retten

05. Mai 2015

Als Taylor stirbt, bin ich gerade auf dem Weg zu einer Party. Es ist Samstagabend, die Luft ist mild um Mitternacht in Berlin Charlottenburg. Mein iPhone teilt mir tonlos mit, dass die Verbindung zu Taylor abgebrochen ist. Sie ist erfroren, weil ich die falsche Entscheidung gefällt habe. Ich schaue in den dunklen Himmel über mir, er blickt gleichgültig zurück. Und für einen Moment bin ich sehr traurig. Taylor war die einzige Überlebende eines abgestürzten Raumschiffs auf einem Mond da draußen. Sie war Studentin, ist nur mitgeflogen, weil sie ein Stipendium gewonnen hat. Taylor ist die Protagonistin des iPhone-Spiels Lifeline.

Lifeline ist ein textbasiertes Spiel für das iPhone. Als ich die App zum ersten Mal öffne, erscheint die erste Nachricht von Taylor: „Hallo? Funktioniert das Teil? Kann mich jemand hören?“ Zwei Antworten stehen zur Verfügung: „Wer spricht da?“ und „Ich kann dich hören.“ Und dann erzählt Taylor erstmal: Was passiert ist, wie es auf dem Mond aussieht. Und fragt dann: Soll sie erstmal die Umgebung erkunden, oder das abgestürzte Schiff untersuchen? Je länger das Spiel dauert, desto schwieriger werden die Entscheidungen: Soll Taylor eine Abkürzung durch einen Mondkrater nehmen, um den mysteriösen Berg auf dem Mond zu erreichen und so eine Verletzung riskieren, oder den langen Weg außen rum gehen und sich dem Risiko aussetzen, von der Nacht überrascht zu werden? Bei wichtigen Entscheidungen fragt Taylor dann auch zweimal nach. Bist du dir ganz sicher? Natürlich bin ich mir nicht sicher. Ich sitze beim Mittagessen in der Mensa in Berlin Mitte. Aber ich muss mich jetzt entscheiden. „Nimm die Abkürzung“, schreibe ich ihr.

Taylor hat Humor (wenn auch einen sehr amerikanischen) und bricht die Spannung gerne mit einem guten Spruch. Mit der Zeit wächst sie mir ans Herz. Und wenn sie schreibt, dass der Marsch zur Bergspitze einige Zeit dauern wird, lese ich „Taylor ist beschäftigt“ und muss ein paar Stunden warten, bis sie sich wieder meldet. So bekomme ich das Gefühl, dass da draußen tatsächlich irgendwo eine junge Astronautin auf einem kalten Mond herum stapft, die sich auf mich verlässt. Und ich trauere, als ich lese, dass Taylor erfroren ist, weil ich ihr geraten habe… nein, das müsst ihr schon selbst entscheiden.

Sobald Taylor das erste Mal gestorben ist, bietet mir das Spiel an, jede Entscheidung revidieren zu können. Ich muss dann nicht immer wieder von vorne anfangen, sondern kann zurückscrollen und mich an jedem Punkt der Geschichte umentscheiden. Und es gibt einen schnelleren Modus, in dem ich nicht darauf warten muss, dass Taylor ihren Marsch zur Bergspitze beendet hat. Aber das ist der Atmosphäre abträglich. Taylors Geschichte ist eher eine moderne Erzählung als ein Spiel. Es erinnert mich an Bücher aus meiner Kindheit, wo man an unterschiedlichen Stellen weiterlesen sollte, je nachdem, wie man sich entschied. Aber Taylors Nachrichten sind viel intimer. Sie taucht zwischen den Nachrichten meiner Freunde auf, meinen E-Mails und Benachrichtigungen. Aufgeregt erzählt sie mir von ihrer jüngsten Entdeckung. Und ich muss entscheiden: Soll sie das gruselige dunkle Schiffswrack erforschen? Oder lieber umkehren, um sicher wieder zur Schlafstätte zu kommen? Jetzt seid ihr gefragt. Taylor zählt auf euch.

Lifeline ist von 3 Minute Games und kostet drei Euro. Bisher ist das Spiel nur auf Englisch verfügbar.


Nudeln mit Tomatensoße

18. April 2015

tomatensosse-kochen

In der aktuellen Ausgabe des Zeit Magazins stellen berühmte Leute zwölf einfache Rezepte vor. Philipp Lahm schreibt von den Kartoffelklößen seiner Oma. Aber mal ganz ehrlich: Brauche ich das Zeit Magazin, um zu erfahren, wie Kartoffelknödel gehen? Oder Hummus? Oder Tomatensoße? Natürlich nicht.

Mir ist egal, wie Cem Özdemir seinen Hummus macht – im Netz gibt es genug Rezepte für sehr guten Hummus, erstellt von sehr unberühmten Menschen. Aber die zwölf Rezepte, die dort erschienen sind, müssen auch gar nicht neu sein. Worum es eigentlich geht, verrät das Magazin auf seiner doppelten Titelseite. „Zauberei?“ fragt mich da das Magazin – und versichert danach: „Ach was!“ Es soll inspirieren, mal wieder was leckeres zu kochen. Hat geklappt!

Ich habe deshalb gestern die Tomatensoße von Cornelia Poletto ausprobiert. Und das geht so:

Zutaten für circa einen Liter Soße
Und so wird’s gemacht

Zwiebel und Knoblauch klein schneiden, anbraten und mit dem Zucker ein wenig karamellisieren. Die Tomaten dazugeben und aufkochen lassen. Dann den Basilikum und die klein geschnittene Chilischote dazugeben und das Ganze für 30 Minuten auf kleiner Hitze köcheln. Fertig ist die Laube. Achja: Während ihr euch für eure Kochkünste feiert, natürlich nicht vergessen, die Nudeln zu kochen.


nudeln-fertig

Frau Poletto empfiehlt, San Marzano-Tomaten als Dosentomaten zu kaufen. Das sind italienische Flaschentomaten, die schwer zu züchten und damit deutlich teurer sind als „normale“ Dosentomaten (auf Amazon kostet eine Dose à 400 Gramm 2,30€). Ich habe versucht, die hier in der Nähe aufzutreiben, hatte aber kein Glück.

Im Internet bin ich dann aber auf diesen Dosentomatentestbericht der FAZ gestoßen. Dort kommen die San Marzano-Tomaten nur auf den zweiten Platz – den ersten holen die „Mutti Pelati Mediterranei Nuova Qualità“, was die herkömmlichen Dosentomaten der Firma Mutti sind. Die sind nicht nur erschwinglicher, sondern auch leichter zu bekommen.

Das habe ich allerdings erst nach meinem Einkauf gelesen, sodass ich diesmal das Vergnügen hatte, die Soße mit „Pomodoro Datterini“ zu machen, was sehr lecker war. Das Ergebnis ist eine sämige, süße, durchdringend rote Soße. Was ich eigentlich sagen wollte: Es ist schön, sich einfach mal was leckeres zu kochen. Und es gibt überraschend viele Tomaten bei Amazon. Guten Appetit!

Für Hungrige auch zu empfehlen: der Pasta-Test der FAZ und der Tiefkühlpizza-Test der Süddeutschen.


Fensterbankpoesie

05. April 2015

fensterbankpoesie