„Der Weihnachtsmann ist in der Krise“

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Den Bart muss er noch weißen. Stephan Antczack, Oberweihnachtsmann von Berlin wohnt in einem Hinterhof eines Altbaus im Erdgeschoss, die Stiefel hat er schon an, als das Interview beginnt, die weißen Stricksocken ragen über sie hinaus. Aber fertig zieht er sich erst nach dem Gespräch an.

In Antczacks Wohnung hängen Theaterkleider über dem Bett, Bücherregale türmen sich bis zur Decke. Ein ganzes Regal besteht nur aus Bertolt-Brecht-Literatur, daneben regalweise Bücher zu Psychologie und Medizin, Geschichte und Kunst. Neben ihm auf der Couch sitzen in Plüsch Papa Schlumpf, Schlumpfine und Ernie. Antzcack ist Theaterpädagoge, psychiatrischer Pfleger und eben Oberweihnachtsmann. So heißen diejenigen, die die Weihnachtsmannvermittlung des Berliner Studierendenwerks organisiert haben.

Das Berliner Studierendenwerk hat seit 1949 Weihnachtsmänner und -engel in Berliner Familien vermittelt, doch jetzt hört es damit auf – zu wenig neue Weihnachtsmänner haben sich beworben. Es wird ein Gespräch über die Krise des Weihnachtsmanns, was die Figur für unsere Kultur bedeutet und was man über die deutsche Familie lernt, wenn man sie jahrzehntelang an Heiligabend besucht.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Antczack, Sie sind der Oberweihnachtsmann Berlins. Jetzt hört das Studierendenwerk auf, Weihnachtsmänner zu vermitteln. Ist der Weihnachtsmann in der Krise?

Stephan Antczack: Ja, der Weihnachtsmann ist in der Krise. Es ist eine große Zäsur, dass das Studierendenwerk die Vermittlung an den Nagel gehängt hat. Es geht darum, wie es mit der Tradition des Berliner Weihnachtsmanns weiter geht. Wird es weiter Menschen geben, die uns bestellen oder wird es einfach irgendwann vergessen werden und der Weihnachtsmann ist nur noch eine Figur, die im Bilderbuch vorkommt.

ZEIT Campus ONLINE: Wie viele Weihnachtsmänner gibt es noch in Berlin?

Antczack: Ich schätze etwa 200 Weihnachtsmänner, -frauen und -engel.

ZEIT Campus ONLINE: Und das sind zu wenig?

Antzcack: Ja, Wir brauchen mindestens 100 Weihnachtsmänner zusätzlich. Aber wir haben ja niemanden, der die ausbildet – das Studierendenwerk hat normalerweise rund 100 bis 150 Leute neu ausgebildet.

ZEIT Campus ONLINE: Wie sieht die Ausbildung aus?

Antczack: Man bekommt einen Workshop, um den angehenden Weihnachtsmännern und -frauen eine Struktur für die Performance hat. Das habe in eingeführt, als ich 2009 Oberweihnachtsmann wurde. Vorher gab es Castings und das hat nicht funktioniert.

ZEIT Campus ONLINE: Warum nicht?

Antczack: Die Leute zogen einen roten Mantel über, banden sich einen Bart um und haben sich gefühlt wie Plastik und haben sich gefragt: was soll ich jetzt machen? Die hatten keine Ahnung, was sie machen sollten, wenn sie als Weihnachtsmann auftreten. Viele hatten gar keinen Weihnachtsmann erlebt. Sie müssen sich das vorstellen: Sie sind Student, Sie sind abhängig, Sie brauchen Geld, Sie sind in Hektik, haben viele Termine, haben überhaupt nichts zu melden. Sie kennen die Kinder nicht, Sie kennen die Familie nicht, oft ist der Weg schwierig. Das sind alles Faktoren, die Sie im Status ganz nach unten setzen. Aber spielen müssen sie einen Megastatus: den Weihnachtsmann. Da kommt nur noch der liebe Gott drüber. Wir haben ihnen beigebracht, sich in diese Rolle reinzufühlen, zu sagen: So, jetzt habe ich den roten Mantel an, jetzt bin ich der Chef. Und wenn der Papa Banker ist oder Michael Müller heißt und Regierender Bürgermeister von Berlin ist, sagt man: Papa, mach bitte die Musikanlage aus, jetzt rede ich! Wir machen jetzt Bescherung! So.

ZEIT Campus ONLINE: Man muss sich verwandeln.

Antczack: Genau. Gestern zum Beispiel war ein Kollege von mir als Weihnachtsmann am Breitscheidplatz eingeladen, die Bescherung zu eröffnen und das muss man sich vorstellen: Der Bürgermeister hat auf den Weihnachtsmann und die Engel gewartet. Jetzt könnte ich noch eine Geschichte über den Engel erzählen, aber das darf ich leider nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet es, dass das Studierendenwerk keine Weihnachtsmänner mehr vermittelt?

Antczack: Ich glaube, das ist ein riesiger kultureller Einschnitt. Das ist eine Tradition, die jetzt 68 Jahre gehalten hat, wir sind im 69. Jahr. Nächstes Jahr wird der Berliner Weihnachtsmann 70 Jahre alt. Und das ist in Berlin eine richtige Kultur, die es sonst nirgenwo auf der Welt gibt in diesem Umfang. Dass eine Einrichtung, die Jobs für studierende vermittelt, so eine Aufwand betreibt, dass über 3.000 Familien einen Weihnachtsmann bestellen. Das gibt es sonst nirgendwo in der Welt.

ZEIT Campus ONLINE: Warum hat das Studierendenwerk das jetzt aufgegeben?

Antczack: Ein Grund ist die Bologna-Reform von vor 15 Jahren. Die Studierenden bekommen einen Stundenplan vorgelegt, wo festgelegt ist, wann man welche Veranstaltung zu besuchen aht und dass man schnell durchkommt. Das führt dazu, dass man mehr oder weniger gar nicht mehr nebenbei arbeiten kann. Das heißt, wer auf diese Art studiert, muss ein Stipendium mitbringen oder Geld von Mama und Papa. Und hat keine Zeit sich damit zu beschäftigen.

ZEIT Campus ONLINE: Vielleicht ist der Beruf des Weihnachtsmanns auch weniger attraktiv geworden.

Antczack: Nein, ich wüsste auch nicht warum.

ZEIT Campus ONLINE: Andere Jobs, die man machen kann, sind auch ganz gut bezahlt, man kann sich für die berufliche Laufbahn qualifizieren und muss nicht an Heiligabend arbeiten.

Antczack: Ja, der Weihnachtsmann ist nichts, was einen dauerhaft ernährt. Weihnachtsmann ist man einen Tag im Jahr. Aber es ist was fürs Herz, weil man ganz viel Liebe gibt, aber auch viel Liebe und Anerkennung zurück bekommt. Man kriegt viel Applaus, viel Aufmerksamkeit.

ZEIT Campus ONLINE: Sind Sie auch deswegen dazu gekommen?

Antczack: (zögert lange) Sicher auch mit.

ZEIT Campus ONLINE: Wann haben Sie angefangen?

Ich habe 2002 angefangen. Als ich Kind war, hat den Weihnachtsmann immer der Opa gemacht und ich habe ihn enttarnt. Höflich natürlich. Ich ging hinterher zu Mama und sagte: Mama, ich glaube der Weihnachtsmann, das ist Opa.

ZEIT Campus ONLINE: Woran haben Sie ihn erkannt?

Antczack: Er hatte immer so eine Maske auf mit so zwei Punkten, wo er durchgucken konnte. Also nur hinter den zwei Punkten hat es sich bewegt, das war sehr gruselig. Nur hatte der Weihnachtsmann immer denselben Schnürsenkel offen wir Opa und den selben Nadelstreifenanzug unterm Weihnachtsmannkostüm und roch genauso nach Zigarre. Und was mich am meisten geärgert hat, war dass Opa weg war, wenn der Weihnachtsmann kam und ich Opa nie den Weihnachtsmann zeigen konnte. Aber immer musste Opa aufn Bau, wenn der Weihnachtsmann kam. Er hat auf einer Baustelle gearbeitet, ist LKW gefahren.

ZEIT Campus ONLINE: Wie ging es weiter nach der Enttarnung?

Antczack: Wir haben zwei Jahre lang jemanden vom Studierendenwerk gekriegt – das ging so. Und dann hat unsere Mutter gesagt: Ihr glaubt eh nicht mehr an den Weihnachtsmann, jetzt gibt es keinen mehr. Dann haben meine ältere Schwester und ich geschrien: „Nein Mama, das geht nicht, die Marion, die ist noch so klein!“ Das war unsere kleinere Schwester. „Die braucht einen Weihnachtsmann!“ Und dann haben meine Schwester und ich uns verkleidet: Ich als Weihnachtsmann und sie als Engel. Und der Joke war natürlich, dass wir ordentlich die Erwachsenen vertrimmt haben. Damals gab es ja noch die Rute.

ZEIT Campus ONLINE: Wie alt waren Sie da?

Antczack: Zehn oder elf. Mitte der 70er Jahre muss das gewesen sein. Und ich mache das mit meiner Schwester bis heute zusammen. Ich habe erst einzeln angefangen und irgendwann kam sie dazu.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kam es dann dazu, dass Sie damit angefangen haben?

Antczack: Ich habe Kunst und Geschichte studiert und habe damals gedacht: Ich fand das als Kind gut und kann das doch mal ausprobieren. Also habe ich mir ein Kostüm gekauft mit Bart für 50 Euro und angefangen.

ZEIT Campus ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Bescherungen?

Antczack: An einige, ja. Bei einer hatte ich Lederhandschuhe an statt weißer – und habe vor lauter Aufregung vergessen, meinen Rucksack abzusetzen. Ich hatte den Sack dabei, aber den Rucksack mit meinen persönlichen Sachen hatte ich noch an. Und ich hatte anfangs Schwierigkeiten, mir den Knecht Ruprecht von Theodor Storm zu merken. Aber ich habe ihn dann erstmal als Vierzeiler gebracht und ihn stückweise schritt für Schritt jedes Weihnachten mehr davon dazu gelernt. Inzwischen kann man mich wecken und ich ich sage das Gedicht auf.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet es, Weihnachtsmann zu sein?

Antczack: Der Weihnachtsmann bringt uns das Gute, er konfrontiert uns mit unseren Wünschen. Darum geht es mir: Sich Gedanken zu machen, was wünsche ich mir? Was sind die Wünsche anderer? Und wie kriegen wir das als Gesellschaft hin, unsere Wünsche miteinander zu vereinen?

ZEIT Campus ONLINE: Und diese Frage tragen Sie in die Familien hinein?

Antczack: Ja, im Gespräch mit den Eltern geht es immer um Wünsche. Wir hören uns an, wie sich die Kinder entwickelt haben. Es geht es dann schnell darum, was die Kinder sich wünschen und darum, was die Eltern denken, was der Weihnachtsmann den Kindern sagen sollte.

ZEIT Campus ONLINE: Was wünschen sich die Eltern?

Viele wünschen sich Kinder, die funktionieren. Sie wollen einen reibungslosen Ablauf. Die Eltern sagen oft, was nicht passieren soll: Die Kinder sollen nicht streiten, zum Beispiel. Wo ich immer sage: Seien Sie froh, dass sie streiten, denn sie machen eine Entwicklung durch. Kinder dürfen ihre Interessen aushandeln. Wenn sie nicht streiten, sollten Sie mit ihrem Kind zum Psychiater gehen. Aber dahinter steckt natürlich ein anderer Wunsch.

ZEIT Campus ONLINE: Welcher?

Dass die Eltern auch mal ihre Ruhe haben wollen. Das darf ich als Weihnachtsmann natürlich mithören. Es haben nicht nur die kleinen Kinder Wünsche, sondern auch die großen. Wenn ich das ernst nehme und transparent mache, dass auch die Wünsche der Eltern berechtigt, kriegt das eine andere Dimension – den Eltern wird bewusst: Ich habe Interessen und Bedürfnisse und die sind genauso berechtigt.

ZEIT Campus ONLINE: Ist den Eltern das nicht bewusst?

Nein. Viele Eltern gehen arbeiten und sind natürlich stolz auf ihre Kinder, müssen sich ja. Aber es ist enorm anstrengend, wenn man noch so kleine Blagen hat, die immer irgendwas wollen. Die wollen ja immer was! Das ist auch ihre Rolle und die Aufgabe von Kindern, immer etwas zu wollen und abhängig zu sein. Aber es ist natürlich auch enorm anstrengend, immer die Macht zu haben als Eltern. Immer sagen zu müssen: Du machst das, du machst das.

ZEIT Campus ONLINE: Und Sie als Weihnachtsmann nehmen den Eltern die Macht ab?

Antczack: Bei mir dürfen die Eltern sagen, was sie stört und ihren inneren Konflikt ausleben: einerseits sind sie stolz, dass sie Kinder haben, aber andererseits nerven die Kinder sie auch, aber das dürfen sie natürlich niemals sagen! Das können Sie ja nicht machen, zugeben, dass Ihre Kinder Sie stören. Aber mir, dem Weihnachtsmann dürfen sie das sagen. Und ich sage ihnen dann, dass das in Ordnung ist, dass es natürlich nervig und anstrengend ist, Kinder großzuziehen.

ZEIT Campus ONLINE: Sind die Eltern erleichtert, wenn sie ihnen das sagen?

Antczack: Oft, ja. Sie reagieren dann gelöst und lachen.

ZEIT Campus ONLINE: Weil sie sonst niemanden haben, dem sie das sagen können?

Antczack: Nein, ich bin ja kein Pastor. Das ist mein individueller Punkt als Weihnachtsmann, dass ich einen emanzipatorischen Ansatz habe, dass es mir darum geht, dass die Menschen sich ihrer Bedürfnisse bewusst werden und sich mit ihren Wünschen beschäftigen. Und dass es okay ist, Wünsche zu haben, die nicht politisch korrekt sind in Bezug auf die Kinder. Von Eltern wird viel gefordert, aber sie bekommen sehr wenig Anerkennung dafür, was sie tun. Deswegen erkenne ich das an.

ZEIT Campus ONLINE: Wann waren die Hochzeiten des Weihnachtsmanns?

Antczack: Als die Mauer gefallen ist, kamen die ostdeutschen Universitäten dazu und da war so viel im Umbruch und so viel Orientierungslosigkeit, dass irre viele Leute einen Weihnachtsmann bestellt haben. Da gab es 10.000 Bescherungen. Weil die Menschen nicht wussten: Was passiert jetzt? Aber Weihnachten wollten sie schön haben, darauf konnte man sich verlassen.

ZEIT Campus ONLINE: Und zuletzt?

Antczack: Das Studierendenwerk hat 3.000 bis 4.000 Bescherungen gemacht. Die Berliner Weihnachtsmannzentrale vermittelt auch nochmal gut 1.000 Bescherungen, das Weihnachtsbüro vielleicht nochmal so 500, dann gibt es Angelas Engelangetur, die haben vielleicht auch nochmal so 200 Bescherungen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie viele Bescherungen machen Sie an Heiligabend?

Antczack: Etwa 15.

ZEIT Campus ONLINE: Wie läuft die Bescherung ab?

Antczack: Wollen Sie selbst Weihnachtsmann werden?

ZEIT Campus ONLINE: Nein, ich hatte nur selbst nie einen Weihnachtsmann zu Hause und schätze, es geht vielen anderen auch so.

Antczack: Gut. Der Weihnachtsmann bekommt eine Tour und stellt sich dann eine Route zusammen – es geht mit einem Explorationsgespräch los, wo man die Kinder und die Familie kennen lernt und die Familie den Weihnachtsmann kennen lernt: Was macht der sonst im Leben? Da stellt man die Chemie her zwischen wildfremden Leuten, die sich kennen lernen. Dann fährt der Weihnachtsmann seine Tour vorher ab, sonst hat er Heiligabend ein echtes Problem.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Antczack: Es kommen meist Ungereimtheiten dazwischen: Da springt die Kette vom Fahrrad ab oder es passiert ein Unfall. Ich habe auch schon mal Erste Hilfe im Dienst geleistet.

ZEIT Campus ONLINE: Bei der Bescherung?

Antczack: Nein, davor. Ich war auf der Straße, unterwegs zu einer Bescherung, ein alter Mann wurde umgefahren, hatte eine Kopfplatzwunde und bevor ich die Bescherung in der Kita machen konnte, habe ich ihn erstmal ins Gesundheitszentrum gebracht.

ZEIT Campus ONLINE: Waren Sie schon in Verkleidung?

Antczack: Nein, aber es muss ja trotzdem gemacht werden. Ich kann ihn da ja nicht liegen lassen.

ZEIT Campus ONLINE: Deswegen muss man vorher seinen Weg kennen.

Antczack: Ja, genau. Man muss die Orte finden: Wenn die Eltern von einer Mülltonne reden oder von einem Verschlag wo die Geschenke versteckt sind, muss man wissen, welcher ist denn da gemeint? Sonst bist du am suchen und bei fünf bis zehn Minuten suchen pro Familie schon hat man eine halbe Stunde versiebt, das sind drei Weihnachtslieder, die man hätte singen können. Und wenn wirklich mal was passiert, habe ich eine Telefonkette, wo die Familien sich gegenseitig informieren: Der Weihnachtsmann kommt eine halbe Stunde später, sodass ich nicht alle Familien einzeln anrufen muss.

ZEIT Campus ONLINE: Und wenn Sie ankommen?

Antczack: Dann nehme ich den Sack, der vorbereitet vor der Tür steht, klopfe, gehe mit Gebimmel rein und dann: Hohoho! Draußen vom Walde komm ich her, darf euch sagen es weihnachtet sehr, allüberall auf den Tannenspitzen seichtgeoldene Lichtlein blitzen und so weiter, dieses riesengroße Gedicht. Das ist schon mal eine Performance, ein Auftritt, ein Statement. Und dann singen wir gemeinsam zwei, drei Weihnachtslieder und ich hole das goldene Buch vor und schaue: Ah! Die Maria hat dieses Jahr ja ganz toll laufen gelernt! Und Jason hat in der Schule wunderbar in Englisch in der Schule mitgemacht? Und Jessica, du hast doch ein Gedicht gelernt, oder? Und der Weihnachtsmann bringt Geschenke und er nimmt gern Geschenke: Er holt sich gern Gedichte ab, Kinderzeichnungen, alles mögliche. Manchmal kriege ich Kekse. Manchmal kriege ich auch Schnuller, ich habe eine große Schnullersammlung.

ZEIT Campus ONLINE: Von wem kriegen Sie denn Schnuller?

Antczack: Von Kindern!

ZEIT Campus ONLINE: Die geben ihnen die?

Antczack: Ja. Ich war neulich im Finnlandzentrum und da kommt immer der finnische Weihnachtsmann, der Joulupukki. Und der saß dort. Ich habe mich gefreut und schaute dem Joulupukki zu – und da kam ein kleines Kind und bringt ihm den Schnuller. Und der sagt: „BÄH! Geh weg!“ Und da bin ich hinterher zu ihm und hab ihm gesagt: „Jolopoki, sorry, aber der Weihnachtsmann nimmt alle Geschenke an. Das ist in Berlin Tradition, dass die Kinder ihren Schnuller beim Weihnachtsmann abgeben.“

ZEIT Campus ONLINE: Warum machen die Kinder das?

Antczack: Die Frage habe ich den Eltern auch oft gestellt: Warum sollen die den Schnuller abgeben? Und die Eltern sagen: Sie sollen lernen, ohne Schnuller zu leben. Die Eltern sagen den Kindern, gib mal deinen Schnuller beim Weihnachtsmann ab. Weil es ein Zeichen dafür ist: Jetzt werde ich erwachsen. Jetzt brauche ich den Schnuller nicht mehr. Ich finde das sehr übergriffig. Ich sage den Eltern immer: Ich frage nie nach dem Schnuller. Ich habe auch schon Eltern gehabt, die gesagt haben, ich rufe Sie nur wegen dem Schnuller. Manchmal sind die Kinder so aufgeregt, die bringen mir sofort ihre Schnuller, sobald ich ankomme.

ZEIT Campus ONLINE: Was geht denn so schief bei Bescherungen?

Antczack: Alles mögliche. dass man sich versingt oder man nimmt sich vor: Wir nehmen einen Lebkuchen und dann packt man die Lebkuchen aus, hat aber kein Messer da. Oder man hat die Lebkuchen im Auto vergessen. Aber ich kann in der Rolle ja nicht sagen, lass uns mal zurück zum Auto gehen. Ich habe einmal zu meiner Schwester gesagt: Sag mal, Sternchen, können wir nicht nochmal zurück zum Schlitten? Da hat sie mich danach angeschrien: Du kannst doch nicht sagen, dass wir zurück zum Auto gehen sollen! Dabei hatte ich ja ganz bewusst nicht Auto gesagt.

ZEIT Campus ONLINE: Sagen die Kinder auch: „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht!“?

Antczack: Nö.

ZEIT Campus ONLINE: Die glauben Ihnen das immer?

Antczack: Ganz selten, bei Auftritten in Kindertagesstätten, mit 20 oder 30 Kindern, gibt es immer mal den ein oder anderen, der ein bisschen mutig wird und son Spruch bringt. Ich sage dann: „SO?! Mich gibts nicht? HM! Und wie erklärst du dir, dass ich jetzt hier bin wenn’s mich gar nicht gibt?“ Dann ist das Thema aufgelöst. Selbst wenn sie es nicht glauben, schauen sie fasziniert zu. Das ist unerheblich, ob man an den Weihnachtsmann glaubt. Die finden es toll, dass es dieses Ritual gibt.

ZEIT Campus ONLINE: Was lernt man, wenn man so lange Weihnachtsmann ist, über das deutsche Familienleben?

Antczack: (überlegt lange) Man lernt, dass gerade die Deutschen ein sehr schüchternes und zum Teil zwanghaftes Volk sind.

ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern?

Antczack: Sie haben ganz viele Vorstellungen, wie eine Bescherung zu sein hat und trauen sich ganz oft nicht, mal etwas anders zu machen. Zum Beispiel, ihren Kindern zuzuhören. Nicht von den Kindern zu verlangen, dass sie ihnen zuhören, sondern selbst ihren Kindern zuzuhören. Und den Kindern Platz einzuräumen und dass die Kinder etwas über sie selbst aussagen.

ZEIT Campus ONLINE: Und wieso schüchternes Volk?

Antczack: Sie trauen sich ganz viele Sachen nicht infrage zu stellen. Wie Sachen zu sein haben.

ZEIT Campus ONLINE: Glauben Sie, dass der Beruf aussterben wird?

Antczack: Ich finde ja, Beruf ist sehr hoch gegriffen. Ich kann mir persönlich zwar wünschen, wenn ich irgendwann mal ablebe, dass meine Urne von Weihnachtsmännern zu Grabe getragen wird, aber letztendlich kriege ich das eh nicht mehr mit. Beruf? Meine Güte. Ich glaube nicht, dass es ausstirbt. Aber es wird sehr viel seltener und exklusiver werden. Dass es ein Luxus wird, einen Weihnachtsmann anzuheuern für Heiligabend. Ich würde mir wünschen, dass das eine Kultur ist, an der viele Menschen teilhaben können. Aber dafür muss man den Weihnachtsmann vielleicht infrage stellen.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Antczack: Es ist wichtig, zu überlegen, warum gibt es diese Figur und was soll sie bewirken? Tradition ist etwas, das sich bewahrt, wo etwas sozusagen… verewigt ist ein doofes Wort – wo etwas verstetigt wird. Und Tradition ist aber auch etwas, das sich entwickelt. Den Weihnachtsmann als Gabenbringer, den man mieten und bestellen kann, hat es auch nicht immer gegeben. Das ist eine Tradition die 1949 entwickelt wurde, die hat sich bewährt und lange funktioniert. Und jetzt gibt es offensichtlich eine Veränderung. Und es gab auch in den Siebziger und Achtziger Jahren gab es Kulturhistoriker, die kritisiert haben, dass da fremde Männer in Familien reingehen und altbackene Vorstellungen an die Kinder weitergeben. Das finde ich auch fragwürdig. Das war immer meine Intention als Weihnachtsmann, einen anderen Gehalt reinzubringen. Ich würde mir wünschen, dass es die Tradition des Weihnachtsmannes, der Weihnachtsfrau und des -engels sich weiterentwickelt. Dass die Menschen das für sich zu nutzen lernen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie sprachen davon, dass ihnen wichtig ist, dass die Kinder sich emanzpieren, selbstständi werden. Aber dieser Prozess ist ja eigentlich dann abgeschlossen, wenn sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, Sie also nicht mehr gebraucht werden.

Antczack: (überlegt lange) Ja, ich glaube dass es wichtig ist, sich abzulösen. Aber ich habe erlebt, dass viele Kinder, die nicht mehr and den Weihnachtsmann glauben, es trotzdem toll finden, wenn er kommt. Wenn man das in Frage gestellt hat, setzt eine Neudefinition dessen ein: Ich habe entdeckt, dass der Weihnachtsmann ein ganz leiblicher Mensch ist – aber vielleicht entdecke ich trotzdem etwas gutes an diesem leiblichen Menschen, der kommt und sagt, er wäre der Weihnachtsmann. Wenn das gelingt, ist das eine völlig neue Qualität. Und auch das wird sich wieder ändern: Vielleicht sage ich irgendwann: Ich will den Weihnachtsmann nicht mehr sehen. Und zehn Jahre später hat man eine eigene Familie gegründet und denkt: Das war eigentlich ganz schön, jetzt bestelle ich für meine eigenen Kinder einen.

Dieses Interview ist gekürzt und redigiert auf ZEIT Campus ONLINE erschienen.

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