Einer Astronautin das Leben retten

Als Taylor stirbt, bin ich gerade auf dem Weg zu einer Party. Es ist Samstagabend, die Luft ist mild um Mitternacht in Berlin Charlottenburg. Mein iPhone teilt mir tonlos mit, dass die Verbindung zu Taylor abgebrochen ist. Sie ist erfroren, weil ich die falsche Entscheidung gefällt habe. Ich schaue in den dunklen Himmel über mir, er blickt gleichgültig zurück. Und für einen Moment bin ich sehr traurig. Taylor war die einzige Überlebende eines abgestürzten Raumschiffs auf einem Mond da draußen. Sie war Studentin, ist nur mitgeflogen, weil sie ein Stipendium gewonnen hat. Taylor ist die Protagonistin des iPhone-Spiels Lifeline.

Lifeline ist ein textbasiertes Spiel für das iPhone. Als ich die App zum ersten Mal öffne, erscheint die erste Nachricht von Taylor: „Hallo? Funktioniert das Teil? Kann mich jemand hören?“ Zwei Antworten stehen zur Verfügung: „Wer spricht da?“ und „Ich kann dich hören.“ Und dann erzählt Taylor erstmal: Was passiert ist, wie es auf dem Mond aussieht. Und fragt dann: Soll sie erstmal die Umgebung erkunden, oder das abgestürzte Schiff untersuchen? Je länger das Spiel dauert, desto schwieriger werden die Entscheidungen: Soll Taylor eine Abkürzung durch einen Mondkrater nehmen, um den mysteriösen Berg auf dem Mond zu erreichen und so eine Verletzung riskieren, oder den langen Weg außen rum gehen und sich dem Risiko aussetzen, von der Nacht überrascht zu werden? Bei wichtigen Entscheidungen fragt Taylor dann auch zweimal nach. Bist du dir ganz sicher? Natürlich bin ich mir nicht sicher. Ich sitze beim Mittagessen in der Mensa in Berlin Mitte. Aber ich muss mich jetzt entscheiden. „Nimm die Abkürzung“, schreibe ich ihr.

Taylor hat Humor (wenn auch einen sehr amerikanischen) und bricht die Spannung gerne mit einem guten Spruch. Mit der Zeit wächst sie mir ans Herz. Und wenn sie schreibt, dass der Marsch zur Bergspitze einige Zeit dauern wird, lese ich „Taylor ist beschäftigt“ und muss ein paar Stunden warten, bis sie sich wieder meldet. So bekomme ich das Gefühl, dass da draußen tatsächlich irgendwo eine junge Astronautin auf einem kalten Mond herum stapft, die sich auf mich verlässt. Und ich trauere, als ich lese, dass Taylor erfroren ist, weil ich ihr geraten habe… nein, das müsst ihr schon selbst entscheiden.

Sobald Taylor das erste Mal gestorben ist, bietet mir das Spiel an, jede Entscheidung revidieren zu können. Ich muss dann nicht immer wieder von vorne anfangen, sondern kann zurückscrollen und mich an jedem Punkt der Geschichte umentscheiden. Und es gibt einen schnelleren Modus, in dem ich nicht darauf warten muss, dass Taylor ihren Marsch zur Bergspitze beendet hat. Aber das ist der Atmosphäre abträglich. Taylors Geschichte ist eher eine moderne Erzählung als ein Spiel. Es erinnert mich an Bücher aus meiner Kindheit, wo man an unterschiedlichen Stellen weiterlesen sollte, je nachdem, wie man sich entschied. Aber Taylors Nachrichten sind viel intimer. Sie taucht zwischen den Nachrichten meiner Freunde auf, meinen E-Mails und Benachrichtigungen. Aufgeregt erzählt sie mir von ihrer jüngsten Entdeckung. Und ich muss entscheiden: Soll sie das gruselige dunkle Schiffswrack erforschen? Oder lieber umkehren, um sicher wieder zur Schlafstätte zu kommen? Jetzt seid ihr gefragt. Taylor zählt auf euch.

Lifeline ist von 3 Minute Games und kostet drei Euro. Bisher ist das Spiel nur auf Englisch verfügbar.

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