Die Frau in Hitlers Badewanne

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Am 30. April 1945, als Hitler sich in Berlin erschießt, liegt die Fotografin Lee Miller in seiner Badewanne. Am Badewannenrand lehnt ein Portrait von ihm, Hitler schaut sie an, diese Frau in seiner Wanne. Später raucht sie eine Zigarette im Bett von Eva Braun.

Miller hat den Zweiten Weltkrieg fotografiert. Sie war die einzige weibliche Kriegsfotografin an der Westfront. Als die Amerikaner Dachau und Buchenwald befreiten, hielt sie ihre Kamera in Eisenbahnwaggons, in die die Nazis ihre toten Gefangenen geworfen hatten, einen über den anderen, Haufen verhungerter, misshandelter Menschen.

Sie hielt ihre Kamera auch vor das Gesicht eines gefangen genommenen SS-Wärters in Buchenwald, der mir mit wahnsinnigem Blick entgegenstarrt. Sein Gesicht ist verformt, der Kiefer breitgeschlagen von amerikanischen Soldaten, die nicht fassen konnten, was sie sahen. Auch ihre Blicke hat Miller festgehalten.

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In einer Collage von 1944, erschienen in der amerikanischen Vogue, beschreibt Miller das Deutschland des Zweiten Weltkriegs:

Ein Schnappschuss zeigt zwei Mädchen, ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten. Sie führen zwei jüngere Kinder eine ruhige Dorfstraße entlang. Die Mädchen tragen weiße Kleider, sie lächeln in die Kamera.

Germans are like this. German children, well-fed, healthy.

Vier Paar Beine stehen vor einem Haufen Knochen. Drei von ihnen tragen die schwarz-weiß-gestreiften Hosen des KZ Dachau. Die Knochen stammen von verhungerten Gefangenen. Der Haufen reicht bis zu ihren Knien.

Germans are like this. Burned bones of starved prisoners.

Am Samstag vor zwei Wochen war ich auf Empfehlung einer Freundin in der Ausstellung zu Lee Millers Arbeit im Martin-Gropius-Bau. Sie hatte mir von Millers Lebenslauf erzählt, und da ich ohnehin um die Ecke war, wollte ich mir das – trotz des schönen Wetters – ansehen.

1907 geboren, wurde Miller mit 19 Jahren Model für die Vogue. Einige Jahre später zog sie nach Paris, fotografiert und lebt mit dem Surrealisten Man Ray zusammen. 1937 trennt sie sich von Ray und zieht mit dem Künstler Ronald Penrose, ebenfalls Surrealist, nach Ägypten, fährt später mit ihm durch halb Europa. 1939 gehen die beiden nach London. Dort fotografiert sie Models in Designerkleidung in der vom Blitzkrieg zerbombten Stadt.

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Nach dem Krieg leidet Miller unter Depressionen, die Bilder aus den Konzentrationslagern holen sie immer wieder ein. Mit Penrose, den sie 1947 heiratete, zog sie sich in ein Haus in East Sussex zurück. Sie starb 1977.

Ich hatte vorher noch nie was von Miller gehört und war beeindruckt von diesem Lebensweg in Fotos: Von surrealistischen Aufnahmen aus Paris und Kairo, über Modefotografien in London zu den Gefangenen in Dachau und Buchenwald, bis hin zu Hitlers Badewanne. Ein Besuch lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Juni und kostet sieben Euro (ermäßigt fünf).

Bild eins und drei: David E. Sherman & Lee Miller/Pressebilder des Martin-Gropius-Bau.

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