„Taxi?“

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Die wohl häufigste Frage auf Kuba lautet: „Taxi?“ Sie wird uns über vierspurige Straßen zugebrüllt, in engen Gassen zugeflüstert und auf großen Parkplätzen von Oldtimerbesitzern mit weit geöffneten Armen und einladendem Lächeln gestellt. Die Oldtimer sind kein zu viel fotografiertes Klischee, sondern tatsächlich überall auf Kuba unterwegs. Nach der Revolution von 1959 kamen keine westlichen Autos mehr nach Kuba. Deshalb reparieren die Kubaner die alten Fahrzeuge seit Jahrzehnten. Wer keinen alten Chevy oder Cadillac hat, fährt Lada.

Autos sind wertvoll: Wer eins hat, kann Taxi fahren. Und Taxi fahren bringt mehr Geld ein, als jeder andere Job: Der Lohn scheint für fast alle Berufe gleich zu sein und zwischen 15 und 20 CUC pro Monat zu liegen – aber eine Touristin zum Flughafen zu fahren, bringt bereits 25 CUC. Gerade in Havanna sind die Taxifrager tagsüber deshalb überall. Autos sind dabei nur eine von drei Alternativen. In Havanna teilen sie sich die Straße mit Rikschas, die durch jede Gasse heizen. Die Rikschas haben meist keine Klingel, deshalb haben sich die Fahrer einen lauten Pfiff antrainiert, um unaufmerksame Passanten zu verscheuchen. Die dritte Alternative begegnet uns außerhalb von Havanna. Dort sind Taxis meistens Pferdekarren.

Als wir abends tatsächlich ein Taxi brauchen, finden wir zunächst keins. Halb Havanna scheint unterwegs zur nächsten Bar zu sein. Wir warten auf dem Bürgersteig und winken den vorbeifahrenden Wägen zu. Nach einigen Minuten bremst ein himmelblauer, kurviger Chevy auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf der vorderen Sitzbank sitzt bereits ein Pärchen rechts vom Fahrer, auf der hinteren ein junger Mann.

Noch vor dem Einsteigen beginnt der wichtigste Teil der Taxifahrt: Der Preis muss verhandelt werden. Wir wollen nach Vedado, einem Stadtteil im Nordwesten Havannas, knapp fünf Kilometer von unserer Wohnung in Centro Habana entfernt. Der Fahrer beginnt scheinbar zu überlegen. Dabei hat er sicher längst einen (zu hohen) Preis im Kopf. Er schlägt zehn CUC vor, knapp zehn Euro. Wir bieten fünf. Ein prüfender Blick – einsteigen bitte. Was die Einheimischen zahlen? Keine Ahnung. Als wir am Vorabend zwei Kubanerinnen für uns verhandeln ließen, zahlten wir vier CUC für eine Fahrt – was sie ohne uns gezahlt hätten, vergaßen wir zu fragen.

Wir steigen ein. Gurte gibt es auf den breiten Sitzbänken keine, amerikanischer Pop plärrt aus dem nachgerüsteten, importierten Markenradio. Das Pärchen steigt etwas weiter die Straße herunter aus, der Mann, der mit uns auf der Rückbank saß, rutscht vor. Er ist der Kollege des Fahrers – oft fährt einer den Wagen und der andere kassiert das Geld. Auf dem weichen Sitzpolster wogen und kurven wir durch Havannas Straßen, jedes Schlagloch vermeidend. Außer Taxis sind kaum Autos unterwegs. Die Laternen und die Rückleuchten der Oldtimer tauchen Havannas Straßen nachts in rotes und gelbes Licht. Die Bürgersteige sind nicht beleuchtet, deshalb scheinen am Straßenrand nur einzelne Verandas neonweiß hervor. Nach knapp zehn Minuten sind wir da.

Ich bin im Januar zehn Tage durch Kuba gereist. In mehreren Beiträgen halte ich die Stimmung auf Kuba und die Eigenheiten des Landes fest.

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