Die Frankfurter Küche

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Eine Köchin eilt durch die Küche, hin und her, die Schürze flattert, die Zeit ist knapp, das Essen muss auf den Tisch. Hinter ihr steht eine Frau, sie hält eine Stoppuhr in der Hand. Konzentriert beobachtet sie die Köchin bei der Arbeit: wie sie die Töpfe aus einem Unterschrank holt (und sich dabei jedes Mal bückt), den Ofen heizt (und davor Holz hackt und den schmutzigen Ofen aufwendig reinigt) und die Lebensmittel aus ihren Porzellandosen holt (Staubfänger, die schnell zerbrechen).

Die Frau trägt kurze Haare statt langer Schürze und notiert genau, was sie vor sich sieht. Jede Sekunde stoppt sie, überwacht jeden Handgriff. Was hat sie in einer Frankfurter Küche verloren? Die Frau heißt Margarete Lihotzky, sie ist 29 Jahre alt und wird später eine ganze Stadt auf dem Reißbrett entwerfen. Aber noch ist es nicht soweit. Gerade, irgendwann im Jahr 1926, steht sie in Frankfurt in einer schwülen, dunklen Küche und erfindet mit Stoppuhr und Notizblock die Küche für die Frau von morgen. Als das Essen auf dem Tisch steht, blickt sie in das rote Gesicht der geschafften Hausfrau am Esstisch. Da weiß sie: das kann so nicht weiter gehen. Das muss besser gehen.

Die Möglichkeit dafür bekam die Wienerin Lihotzky vom Architekten Ernst May. Einige Jahre vorher hat sie May die Wiener Wohnprojekte für Kriegsversehrte des Ersten Weltkriegs gezeigt, an denen sie als Architekturstudentin mitgearbeitet hat. Im November 1925 ruft May sie aufgeregt an. Er sei Stadtrat in Frankfurt am Main geworden, ob sie nicht für ihn arbeiten wolle?

Die Wohnsituation in Frankfurt ist zu Mays Amtsantritt desaströs: Tuberkulose grassiert, viele Häuser sind nicht an die Kanalisation angeschlossen und verfügen nicht über fließend Wasser. May steckt voller Ideen und ist trunken vor Tatendrang. „Alles neu macht der May“ singen die Kinder in den Straßen Frankfurts. Er will ihr das Dreifache von dem zahlen, was sie erwartet. Lihotzky sagt zu.

May plant, große Mengen von Wohnungen in möglichst kurzer Zeit errichten, am Ende werden es 15.000 sein. Billig sollen sie sein und industriell herstellbar, wie ein Massenartikel. Er baut als erster in Deutschland Häuser aus großen Betonplatten, lässt dafür extra eine Fabrik errichten. Und er stellt Lihotzky ein, die mit Stoppuhr und Notizblock auszieht, die Hausarbeit effizient zu machen. „Neues Bauen“ wird ihr Vorhaben genannt, im Neuen Frankfurt für den Neuen Menschen – und die neue Hausfrau.

Das Ziel ist, so viel Platz und Zeit wie möglich zu sparen. Gerade mal sechs Quadratmeter groß ist ihre Küche; sie wird direkt in die Wohnungen eingebaut und über die Miete bezahlt. Arbeiter sollen in ihr wohnen, bescheidene Leute. Fünf Mark kostet ihre Küche die Mieter pro Monat, so viel wie ein Stück Butter.

Um Platz zu sparen werden die Vorratsdosen durch beschriftete Aluminiumschütten ersetzt, die sich wie Schubladen aus dem Schrank ziehen lassen. Die Hängeschränke haben keine sperrigen Türen, an denen man sich den Kopf stoßen kann, sondern verglaste Schiebetüren. Der Ofen wird mit Gas befeuert, er erhitzt jetzt nicht mehr die ganze Küche, sondern nur noch das Essen. Die Arbeitsplatten werden so angebracht, dass im Sitzen gearbeitet werden kann und haben ein Loch, durch das Arbeitsabfälle direkt entsorgt werden können. Kein Tischbein steht im Weg, an dem man sich die Füße stoßen kann. Sogar für ein Bügelbrett findet sich Platz. Es wird kein Zentimeter verschenkt.

Als Margarete Anfang 1926 in das Büro von Ernst May stolpert, ist sie noch empört über den Schriftzug „Fasse dich kurz“, der in großen roten Buchstaben an seiner Bürowand prangt. Die von ihr entworfene Küche tut dann genau das: sie fasst Arbeitswege und Handgriffe zusammen und macht Platz für das Wesentliche – die Dinge, die außerhalb der Küche passieren.

Man ist schnell versucht, Lihotzkys Küche zu einem Schritt nach vorn für die Frauenbewegung zu zählen – aber so einfach ist es leider nicht. Später wird sie sagen, dass sie in ihren jungen Jahren nie gedacht hätte, eine Frau würde jemals ein Haus planen und bauen dürfen. Lihotzkys Küche isoliert die Frau. Hier ist kein Platz für Männer oder Kinder, die Küche ist kein Ort der Gemeinschaft mehr, sondern eine kleine Fabrik. Die Frau, für die Lihotzky ihre Küche entwirft, lebt in einer Wohnung, die außerhalb der geschäftigen Stadt liegt.

Das Kochen ist kein emotionaler Akt mehr, die Familie am Herdfeuer ist ein Bild aus der Vergangenheit. Kochen hat das fertige Gericht zum Ziel, das der Energiegewinnung dient. Das Kochen soll schnell gehen, in der Küche von Lihotzky ist es eine Last, ein Übel, das man ertragen muss und das sie mildern will. Lihotzky selbst hasst es, zu kochen. Aber ihre Frankfurter Küche ist die Vorgängerin der heute überall verbauten Einbauküche.

Lihotzky will Wohnungen bauen, die ausschließlich über fest verbautes Mobiliar verfügen. Um Platz zu schaffen, aber auch, weil sie eine Zukunft sieht, in der man mit wenigen Koffern den Wohnort wechseln kann. Sie entwickelt keine Möbelstücke, sie entwirft einen Lebensstil. Einen Lebensstil, der dem heutigen sehr nahe kommt. Und eine Hausfrau, die nicht mehr den ganzen Tag in der Küche verbringt, hat den Kopf frei für neue Ideen. Dafür steht nicht nur die Frankfurter Küche Modell, sondern auch Margarete Lihotzky selbst. Auch wenn die Frau mit den kurzen Haaren und der Stoppuhr das nicht merkt, als sie 1926 die Köchin bei der Arbeit beobachtet.

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