Berat fährt nach Auschwitz

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Berat geht nach Auschwitz wie ein Cowboy. Breitbeinig, die Oberarme ausgestellt, als wären sie etwas dicker, als sie es tatsächlich sind.

Heute Morgen hat sich Berat im Hostel, wo es nach Moschus und getragenen Adiletten riecht, seine kurze Hose vom Vortag angezogen, ein weißes T-Shirt und die Nikes mit der weißen Sohle, die er mal im Superschlussverkauf in Holland für 20 Euro geschossen hat. Um den Hals hängt wie jeden Tag sein Kettchen, am rechten Arm schlackert das silberne Armband, in das sein Name und der seiner Ex-Freundin eingraviert sind. Die dunkelblonden Haare fallen ihm auf die Stirn, seine Schläfen sind frisch rasiert.

So läuft Berat über die Brücke, die über die Soła führt. Der Fluss trennt das sanierte Altstädtchen Oświęcim vom verfallenden, grauen Auschwitz. „Ich habe so lang darauf gewartet. Ich bin echt gespannt, was jetzt kommt“, sagt er.

Berat Ergüner ist 18, nächstes Jahr macht er Abi. Er kommt aus Duisburg-Hamborn, wo auf der Hauptstraße die Mercedes SL 65 AMG entlangheizen und sich die Fans der Istanbuler Fußballvereine nach Derbys gegenüberstehen. Wo ihn jeder kennt und ihm auf der Straße die Hand reicht und auf Türkisch einen Schnack hält. Sein Vater ist in der Türkei geboren, seine Mutter in Deutschland, aber ihre Mutter kommt auch aus der Türkei, aus demselben Dorf wie sein Vater, und wenn er das erzählt, fragt er: „Bruder, was für ein Zufall, kannst du das glauben?“

Berat nennt sich manchmal Kanake und gern Osmane. Er kann anderen beibringen, wie man richtig Shisha raucht: nicht oben am Mundstück greifen, sondern an der Stelle, wo Schlauch und Mundstück zusammenkommen. Und dann, wie ein echter Osmane, an den dicken Bauch halten. Wenn es einer nachmacht, grinst Berat ein Grinsen, das so breit ist wie sein Gang, und lacht. „Genau so, Bruder! Genau so!“ Berat lacht, wie er redet: viel und laut.

Der Bürgersteig ins ehemalige Konzentrationslager ist neu gepflastert, es riecht nach frisch gemähtem Gras. Der Himmel liegt blau über dem Ort, an dem die Deutschen zwischen 1940 und 1945 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden, umgebracht haben.

Berat ist ein junger Deutscher, der keine Verbindung zum Holocaust hat – er hat keinen Großvater, der in der Wehrmacht, keinen Uropa, der SS-Offizier war. Er ist ein Deutscher, der mit Auschwitz nichts zu tun hat. Oder?

Vor ihm laufen Max, Tim, Can, Souheil, Dustin, Dominik, Robin, Benjamin und Vladislav. Tim, dessen Sportsocken immer hochgezogen sind und immer farblich zum gebügelten Nike-Shirt passen. Souheil, dessen Eltern aus Marokko kommen und der tischkickern kann, als hinge sein Leben davon ab. Robin, der so still ist, dass man ihn fast vergisst, und Vladislav, „aber Vladi ist auch okay“, dessen Eltern aus Russland gekommen sind, damit es Vladi und seine Geschwister mal besser haben.

Die Jungs sind zwischen 16 und 20. Sie kommen wie Berat aus Duisburg-Hamborn, Duisburg-Marxloh oder Duisburg-Walsum – Stadtteile, die Deutschland nur kennt, weil sie in der Tagesschau Problemviertel heißen. Für sie sind Kollegah oder Farid Bang zwei von 100 Rappern, und die Auschwitzzeile, über die nach der Echoverleihung wochenlang diskutiert wurde, ist nur eine Zeile. Kollegah beleidige ja jeden, auch Dicke. Wo ist da der Unterschied?

Für die Jungs ist es normal, jemanden zu beleidigen, indem man ihn Scheißjude nennt, oder zu sagen: Dich hätten sie im KZ vergasen sollen. Und dass Berat dann antwortet: dich gleich mit. Nicht, weil er ein Depp ist, nicht, weil er Juden oder Israel hasst, sondern weil es einfach nichts Besonderes ist. So, wie es nichts Besonderes ist, zu Hause von seinem Vater eine aufs Maul zu bekommen, wenn man Scheiße gebaut hat. So wie „schwul“ und „behindert“ auf Schulhöfen in Deutschland normale Beleidigungen sind.

Ändern will das der Verein Jungs e.V., der diese Fahrt organisiert, zum sechsten Mal schon. In Workshops in Duisburg mit Jungs wie Berat stellten die Organisatoren fest, dass Antisemitismus Alltag ist, vor allem unter jungen Muslimen. Und dass niemand diesen Jungs das Gefühl gibt, echte Deutsche zu sein.

Wenn es um die NS-Zeit geht, hören manche von ihren Lehrern: Mit euch hat das ja nichts zu tun. Das ist der zweite Grund, aus dem sie hier sind: Um herauszufinden, was Auschwitz mit ihnen zu tun hat. Vor vier Wochen und fast 1.000 Kilometer von Auschwitz entfernt begann in Deutschland mit den Heroes die Vorbereitung: NS-Herrschaft, Rollenspiele, Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

“Ich will verstehen, warum die Nazis die ganzen Juden umgebracht haben“, sagt Berat. Er will die Gaskammern sehen, mit den Spuren der erstickenden Menschen an den Wänden, will sich hineinfühlen in das Grauen. Er will wissen, wie es gewesen wäre, als Häftling dort zu sein. Er interessiert sich schon lange für den Zweiten Weltkrieg, früher vor allem für Panzer und Soldaten. Dann gab ihm sein Informatiklehrer das Tagebuch der Anne Frank, 14 war er da. Er las es. „Das war krass“, sagt er.

Aber das mit Jude oder Holocaust als Schimpfwort, sagt er, das sei was anderes, da geht es darum, krass zu sein und dann blickt er kurz auf vom Bürgersteig, macht sich nicht mehr breit, schaut mit großen Augen wieder auf und fragt: „Weißt du, was ich meine?“

Was er meint, ist: Wenn du ein junger Mann in Duisburg-Hamborn bist, geht es um Respekt. Und Respekt kriegst du, wenn du ein geiles Auto fährst. Respekt kriegst du, wenn du heftige Dinge sagst. Und Scheißjude ist halt heftiger als Arschloch. Er sagt das in einem Ton, der klingt wie: Das ist einfach so. Aber Auschwitz, das sagt er auch, Auschwitz wird das verändern. „Das wird ein Faustschlag ins Gesicht, glaube ich. Ich glaube nicht, dass ich danach noch Witze über den Holocaust bringen werde.“

Berat tritt durch eine Reihe Birken auf den Platz vor dem Eingang des Lagers. Das Lager liegt vor ihm wie ein Ort, aus dem das Grauen schon lange ausgezogen ist. Hier haben Deutsche Menschen vergast, verhungern lassen, erschossen, gequält, Leben zermalmt. Jetzt rostet der Stacheldraht, rechts reihen sich in der Sonne blitzende Reisebusse aneinander, hinter Berat und den anderen Jungs wuselt das Durchschnittstouristenleben: Eine Gruppe deutscher Rentner mit Bauch- und Handygürteltaschen wartet, eine Frau führt eine chinesische Gruppe mit einem Schirm bewaffnet Richtung Eingang. Ein Vater kauft seiner Tochter ein Eis.

Berat und die anderen gehen in ein kleines dunkles und gefliestes Häuschen. Direkt hinter der Tür stehen zwei Metalldetektoren, hier ist der Übergang ins Lager. Berat legt sein Handy und seinen Camcorder in eine abgegriffene Plastikschale und geht durch den Detektor. Dahinter sammelt sich die Gruppe wieder, jeder bekommt einen fimseligen Kopfhörer, damit auf dem Gelände nicht geschrien werden muss. Berat legt seinen Kopfhörer um, und dann drückt ihm eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte den Sticker in die Hand, der ihn zum Deutschen macht.

Der Sticker hat eine neongelbe Umrandung, „DEUTSCH“ steht darauf. Darunter: „Auschwitz-Birkenau“. Die Aufkleber bekommt jeder. Sie sollen klarmachen, wer zu welcher Tour gehört, „ENGLISH“ hat eine orangene Umrandung.

Berat heftet sich den Sticker ans T-Shirt und geht Richtung Drehkreuz. Es piepst, dann tritt er vom kühlen Fliesenboden der Hütte auf den staubigen Boden des Lagers. Er rennt vor zu den anderen, breitet die Arme aus und hängt sich zwischen die Schultern von Max und Tim. Hinter einer Birke, die sich im Wind wiegt, wird der Schriftzug über dem Eingangstor des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz I sichtbar: „Arbeit macht frei.“

Das Lager ist ein stiller Ort. Die Jungs schweigen, während sie über ausgetretene Stufen durch die dunklen ehemaligen Kasernen geführt werden, in denen Häftlinge unter erbärmlichsten Bedingungen hausen mussten. Die Führerin erzählt, dass auf den Treppen und Fluren früher Menschen in ihren eigenen Exkrementen lagen, weil es zu wenig Toiletten gab. Die Geschichte der Vernichtung ist unsichtbar, sie kommt scheppernd durch den Kopfhörer. Jetzt sind die Flure gefegt, die Laufrouten für die Touristen mit Absperrpömpeln festgelegt. Die Betten der SS-Offiziere in den Baracken sind gemacht, ihr Geschirr steht sauber aufgeschichtet auf dem Tisch. „Alles ist im Originalzustand“, sagt die Führerin.

Berat wandelt durch die Ausstellung, als wäre er allein hier, raus aus dem Dunkel der Baracken, auf den sonnigen Hof, in die nächste Baracke, in der leinwandgroße Propagandafotos der SS hängen: die Sortierung der Häftlinge und ihrer Sachen. Die Vernichtung fotografierten sie nie. Die Bilder sollten zeigen: So schlimm ist es hier gar nicht.

Berats Mund wird schmaler, seine Schultern hängen, ab und zu stemmt er die Hände in die Hüften. Erst in einem Flur wird er lebhafter. Hier hängen Bilder von Häftlingen, die bei deren Ankunft im Lager gemacht wurden. „Der sieht aus wie du“, sagt er und zieht Tim zu sich. „Guck!“

“Der sieht echt aus wie ich“, sagt Tim.

“Mach ma 'n Foto.“ Berat zückt sein Smartphone, Tim stellt sich unter das Bild und lächelt. Dann ziehen sie schweigend weiter.

Im nächsten Raum sind die Fenster verhängt, Dutzende Koffer liegen gestapelt hinter Glas. Berat geht an ihnen vorbei, die Arme hinter dem Körper verschränkt, die Augen weit. Links und rechts schleifen andere Touristen mit ihren Schritten den gefleckten Boden. Auf die Koffer sind mit weißer Kreide sorgsam geschwungen Namen und Geburtsdaten ihrer ehemaligen Eigentümer geschrieben. Berat bleibt stehen und macht ein Foto. Souheil nähert sich von hinten, legt ihm den Arm um die Schulter. Sie gehen vorbei an Bergen aus Emailletöpfen, -tassen und -schüsseln hinter Glas. Drei Schritte weiter: ein Berg Schuhe. Ein Berg Bürsten. Hunderte ineinander verworrene Brillengestelle.

Danach ist Pinkelpause vor Block 18. Berat setzt sich auf die Stufen des unverputzten Klinkerbaus und sagt, die Augen zusammengekniffen: „Bruder, ich war so wütend, als ich das eben gesehen habe, ich wollte schreien, ich hätte am liebsten die Scheibe zerschlagen.“ Man sieht ihm die Wut nicht an. Keinem hier sieht man etwas an. Sie sitzen und schweigen. Es geht nicht mehr um Zidanes Kündigung als Trainer von Real, wie vorhin, als sie mit Pizza vollgegessen auf dem Marktplatz von Oświęcim unter den Geranien saßen. Jetzt rappt keiner mehr eine Line wie abends im Hostel, keiner rangelt oder albert herum.

Robin flieht mit einem Blick ins Handy, Berat schaut ins Leere. Tim sagt: „Das ist einfach so krass.“ „Ja, Bruder“, antwortet Berat. Mehr ist nicht.

Um sie herum gehen Männer und Frauen mit geflochtenen Hüten und in Funktionshosen von Baracke zu Baracke. Schwalben schießen durch die Zwischenräume, ihre Jungen nisten im Giebel und piepsen ununterbrochen. „Es ist so komisch einfach, es ist so schön hier. Weißt du, ich schaue links und da ist das Gras, da sind diese Häuser, die aussehen wie bei mir zu Hause. Und rechts steht der Stacheldraht“, sagt Berat.

Je länger der Rundgang, desto tiefer sinkt Berats Kopf, seine Augen verengen sich zu Schlitzen. Er schaut zu Boden, schlurft über den Kies, der unter seinen Füßen knarzt, die weißen Sohlen seiner Nikes sind staubig. Berat weint nicht, er schreit nicht, er atmet nicht erschüttert aus, während die Führerin erzählt. Zwischen den Stacheldrahtgängen, wo früher Kinder zu den Experimenten von Josef Mengele gebracht wurden, gibt er Vladi sein Handy und sagt: „Bruder, mach mal 'n Foto.“ Berat macht die Schultern breit und schaut in die Kamera. Dann lässt er sie wieder sacken und trottet davon.

Berat will den Holocaust verstehen, indem er ganz nah rangeht und die Hand über die Kratzspuren an der Wand der Gaskammer hält. Er will das Leid spüren, hören, sehen. Wenn der Holocaust droht zu nah zu kommen, hält er sein Smartphone dazwischen.

Als die Jungs das Lager verlassen, lacht er wieder. Hinter dem Zaun kommt das Leben zurück, es wird wieder gegessen, getrunken und geselfiet. Er setzt sich auf den strahlend grünen Rasen und isst mit den anderen Milchbrötchen.

Nach dem Besuch geht Berat zurück über die gepflasterten Bürgersteige, zurück über die Soła, und je länger er geht, desto breiter wird sein Gang, bis er wieder auf dem Marktplatz steht, wo die Geranien blühen. Es ist fast 18 Uhr und jetzt muss er erst mal schlafen. „Nachdenken, Bruder. Morgen reden wir“, sagt er und verabschiedet sich.

Am nächsten Tag biegt er hinter der Soła links ab und schlendert hinunter ans begrünte Ufer, wo eine Kuh grast, bewacht von einem Mann ohne Zähne. „Ich hatte im Lager das Gefühl“, sagt Berat, „dass sich meine beiden Identitäten kreuzen. Einerseits bin ich Deutscher, und als Deutscher wäre ich Täter gewesen, ich hätte den Frauen bei der Einweisung ins Lager den Kopf kahl rasiert.“ Aber dann habe er sich vorgestellt, dass seine Mutter als Türkin vielleicht Häftling gewesen wäre, wie sie sich nackt hätte ausziehen und er ihr die Haare hätte abschneiden müssen. „Das hat mich wütend gemacht.“ Er hebt seine Arme, um seine Gedanken zu sortieren.

“Ich würde auf jeden Fall keinen Witz mehr über den Holocaust bringen. Aber ich vermute schon, dass ich ab und zu noch sagen werde: du Jude. Aber ich würde nicht sagen: Ich verbrenne dich wie die Juden in der Gaskammer. Weil: Das gesehen zu haben, war einfach krass.“ Und wenn seine Kollegen solche Sprüche bringen, würde er mit ihnen schimpfen.

Berat erzählt, für ihn verlaufe ein Spalt durch die deutsche Geschichte: „Deutschland, das ist eine Demokratie. Deutschland, das sind coole Leute und Spaß. Das alte Deutschland ist nicht das Deutschland von heute.“ Aber die Geschichte werde immer zu Deutschland gehören, sagt er. „Deshalb kann Deutschland gar nicht sagen, wir nehmen keine Flüchtlinge auf. Weil: Wir sind ja der Grund, warum die Juden geflüchtet sind.“ Er sagt das so daher, ganz selbstverständlich. Aber zum ersten Mal setzt er ein „Wir“ zu „Deutschland“.

Der Text ist zuerst auf ZEIT Campus ONLINE erschienen.

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