Die Frau in Hitlers Badewanne

17. April 2016

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Am 30. April 1945, als Hitler sich in Berlin erschießt, liegt die Fotografin Lee Miller in seiner Badewanne. Am Badewannenrand lehnt ein Portrait von ihm, Hitler schaut sie an, diese Frau in seiner Wanne. Später raucht sie eine Zigarette im Bett von Eva Braun.

Miller hat den Zweiten Weltkrieg fotografiert. Sie war die einzige weibliche Kriegsfotografin an der Westfront. Als die Amerikaner Dachau und Buchenwald befreiten, hielt sie ihre Kamera in Eisenbahnwaggons, in die die Nazis ihre toten Gefangenen geworfen hatten, einen über den anderen, Haufen verhungerter, misshandelter Menschen.

Sie hielt ihre Kamera auch vor das Gesicht eines gefangen genommenen SS-Wärters in Buchenwald, der mir mit wahnsinnigem Blick entgegenstarrt. Sein Gesicht ist verformt, der Kiefer breitgeschlagen von amerikanischen Soldaten, die nicht fassen konnten, was sie sahen. Auch ihre Blicke hat Miller festgehalten.

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In einer Collage von 1944, erschienen in der amerikanischen Vogue, beschreibt Miller das Deutschland des Zweiten Weltkriegs:

Ein Schnappschuss zeigt zwei Mädchen, ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten. Sie führen zwei jüngere Kinder eine ruhige Dorfstraße entlang. Die Mädchen tragen weiße Kleider, sie lächeln in die Kamera.

Germans are like this. German children, well-fed, healthy.

Vier Paar Beine stehen vor einem Haufen Knochen. Drei von ihnen tragen die schwarz-weiß-gestreiften Hosen des KZ Dachau. Die Knochen stammen von verhungerten Gefangenen. Der Haufen reicht bis zu ihren Knien.

Germans are like this. Burned bones of starved prisoners.

Am Samstag vor zwei Wochen war ich auf Empfehlung einer Freundin in der Ausstellung zu Lee Millers Arbeit im Martin-Gropius-Bau. Sie hatte mir von Millers Lebenslauf erzählt, und da ich ohnehin um die Ecke war, wollte ich mir das – trotz des schönen Wetters – ansehen.

1907 geboren, wurde Miller mit 19 Jahren Model für die Vogue. Einige Jahre später zog sie nach Paris, fotografiert und lebt mit dem Surrealisten Man Ray zusammen. 1937 trennt sie sich von Ray und zieht mit dem Künstler Ronald Penrose, ebenfalls Surrealist, nach Ägypten, fährt später mit ihm durch halb Europa. 1939 gehen die beiden nach London. Dort fotografiert sie Models in Designerkleidung in der vom Blitzkrieg zerbombten Stadt.

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Nach dem Krieg leidet Miller unter Depressionen, die Bilder aus den Konzentrationslagern holen sie immer wieder ein. Mit Penrose, den sie 1947 heiratete, zog sie sich in ein Haus in East Sussex zurück. Sie starb 1977.

Ich hatte vorher noch nie was von Miller gehört und war beeindruckt von diesem Lebensweg in Fotos: Von surrealistischen Aufnahmen aus Paris und Kairo, über Modefotografien in London zu den Gefangenen in Dachau und Buchenwald, bis hin zu Hitlers Badewanne. Ein Besuch lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Juni und kostet sieben Euro (ermäßigt fünf).

Bild eins und drei: David E. Sherman & Lee Miller/Pressebilder des Martin-Gropius-Bau.


Knoblauchmayonnaise

04. Februar 2016

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Knoblauchmayo zu machen ist ein Gedicht, genauer: ein Haiku.

Knoblauch pressen, mit
Eigelb aufschlagen und langsam
Öl hineinträufeln

Okay: 5 – 8 – 5 statt ganz klassisch 5 – 7 – 5, aber immerhin.

Jetzt nochmal als Ballade:

Oh Gott, Mayonnaise. Gibt es was besseres, als krosses Weißbrot in selbstgemachte Mayonnaise zu tauchen? Natürlich. Aber dafür muss man dann auch mehr tun als Eigelb mit Öl zu mischen. Nach einem langen Tag kann selbstgemachte Knoblauchmayonnaise sehr, sehr glücklich machen. Mich zumindest. So geht’s:

Ich habe einen Zauberstab, deshalb mixe ich die Mayonnaise in einem hohen Gefäß. Wer mit dem Schneebesen arbeitet, sollte eine große Schüssel mit rundem Boden nehmen.

Für ein Glas Mayonnaise zwei Eigelb in das Gefäß geben, und eine Prise Salz dazugeben. 100ml Erdnussöl und 200ml Olivenöl bereitstellen.

Jetzt ein paar Tropfen Erdnussöl zum Eigelb geben und schlagen, bis sich das Eigelb und das Öl vermischt haben. Wieder ein bisschen zugeben, rühren und immer abwarten, bis das Öl sich mit der Masse vermengt hat. Erst dann nachschütten. So lange fortfahren, bis das Erdnussöl aufgebraucht ist. Dann mit dem Olivenöl genauso verfahren. Hat die Mayonnaise die gewünschte Konsistenz, muss man auch nicht das ganze Öl aufbrauchen.

Zwei bis drei Zehen Knoblauch in die Mayo pressen und gut durchrühren. Mit Zitronensaft, Salz & Pfeffer würzen. Ist die Mayo zu steif, ganz wenig warmes Wasser zugeben (ein Esslöffel reicht erstmal locker, sie wird sehr schnell dünner).

Brot kross toasten, tunken, glücklich sein.

Bei meinem ersten Versuch haben sich Eigelb und Öl nicht gemischt. Lösung: Einfach in ein frisches Gefäß ein frisches Eigelb geben und den „Fehlversuch“ tröpfchenweise hinzugeben, bis sie sich vermengen.

Man braucht kein Erdnussöl, man kann jedes beliebige Öl nehmen und experimentieren, wie sich der Geschmack verändert.

Das Rezept für die Mayo stammt aus Nigel Slaters Kochbuch „Einfach genießen“. Darin auch enthalten: Einfache Rezepte und eine Einführung, welche Pfanne man wirklich braucht (Grillpfanne. Diese zum Beispiel), und welcher Topf am vielseitigsten ist (Sauteuse). Und vor allem eine Anweisung: Entspann dich. Kochen ist schön, Pizza bestellen aber auch. Alles hat seine Zeit und wer nicht kocht, muss sich nicht schuldig fühlen. Verpasst aber einiges. Denn nicht nur die Mayo schmeckt super.


↬ wirres.net: schulz und böhmermann s01e04

03. Februar 2016

Die vorerst letzte der vier Folgen Schulz und Böhmermann ist am Sonntag gelaufen und Felix Schwenzel hat nichts auszusetzen:

die moderatoren hatten in dieser sendung ausnahmsweise keine angst etwas falsch zu machen. das ist deshalb bemerkenswert, weil böhmermann in der zweiten sendung absichtlich und platt versuchte die grenzen des guten geschmacks zu überscheiten und zu provozieren — und dann in der dritten sendung vor samuel koch den schwanz einzog, aus angst etwas falsches zu sagen oder grenzen des guten geschmacks oder humors zu überschreiten.

Die vierte Folge war routiniert und wirklich gute Unterhaltung. Allerdings fand ich das Gelaber über den geplanten Tod von Sophie Hunger öde: Als junger Mensch etwas davon herzureden, dass man schon genau wisse, wie man sterben will, macht auf mich immer den Eindruck, als wolle man sich als total tiefsinnig und abgeklärt präsentieren. Aber ansonsten scheint Sophie Hunger ja ziemlich cool zu sein, Felix hat heute gleich Links zur Verfügung gestellt, um direkt Fan zu werden. Muss ich mir mal anschauen. Die vierte Folge fand ich aber höchstens am zweitbesten, die beste war für mich die zweite. (Die übrigens als erstes gedreht wurde, also eigentlich die erste war.)

Felix hatte sich über die zweite Folge ziemlich aufgeregt und damals wollte ich auch schon was dazu schreiben, aber ich war dann zu faul und jetzt passt es besser rein, weil man dann eine schöne Gesamtbetrachtung machen kann. Er schrieb „damals“:

ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn sendungen eskalieren und aus der kontrolle geraten. aber wenn die eskalation von den moderatoren ausgeht, die zappeln, schreien, schimpfen oder drohen lebende goldfische zu pürieren und sich weder das publikum, noch die gäste mitreissen lassen, dann wirkt das gewollt und öde. in dieser sendung hat sich jan böhmermann bemüht, seine provokationen auf dem niveau des sendungsthemas (kindergeburtstag) zu halten. das war sehr schade und sehr flach.

Die zweite Folge war albern und laut (vor allem, weil Böhmermann neben Katrin Göring-Eckart herumgeschrien hat), das stimmt. Aber auf mich wirkte das Gespräch wie ein gemütlicher Abend mit Freunden, die sich schon eine Weile kennen: Nach dem Abendessen sitzt man noch zusammen und trinkt einen Wein nach dem anderen. Da echauffiert sich einer halb ernst, halb künstlich sehr laut über ein Thema und die Angeschriene schmunzelt vor sich hin, denn man kennt sich ja. Da fällt jemand vom Stuhl und ja, es ist kindisch, aber eben in dem Moment zum Schreien komisch. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Gäste sich von dem ganzen Quatsch ausgeschlossen fühlten, sondern das gerne mitgemacht haben. Und ich fühlte mich, als säße ich mit am Tisch. Richtig gute Unterhaltung.

Das waren, finde ich, die besten Momente bei Schulz und Böhmermann: Wenn die Moderatoren offensichtlich Spaß haben und die Gäste dabei mitmachen, nicht weil sie drum gebeten werden, sondern weil sie sich wohl fühlen. Da können auch die Witze flach sein. Und diese Intimität auf einer Bühne vor Kameras zu erzeugen, finde ich beeindruckend.

Das Ganze kann aber auch kippen, wie man in der dritten Sendung gemerkt hat, wo beide Moderatoren vor allem bei Samuel Koch total und beim Langen Tünn fast-total versagt haben und Katrin Bauerfeind Herrn Koch das dann auch noch in die Schuhe schieben wollte (Nach dem Motto: „Mach doch auch mal nen Witz“). Das sind eben die Gefahren, wenn die Moderation sich in erster Linie um sich selbst kümmert. Das zog sich störend durch alle Folgen: Wenn Antworten der Gäste nur als Vorlage für den nächstbesten Gag dienen und nicht wirklich zugehört wird. Ich habe das Gefühl, Olli und Jan haben Schwierigkeiten, nicht in ihr Sanft & Sorgfältig-Geplapper abzugleiten und alles um sich herum zu vergessen. Die beiden haben eine gute Dynamik, aber sie müssen eben immer wieder aufpassen, dass sie die Gäste nicht hinter sich lassen.

Nach vier Folgen finde ich war ein schöner Mix aus schlechten, mittelguten und super Folgen dabei und ich hätte gerne mehr davon. Vor allem, dass die Sendung in jeder Folge zwischen total albernen und sehr interessanten Gesprächen changiert, sorgt im besten Fall für dieses „Ein schöner Abend mit alten, sehr interessanten Bekannten“-Gefühl.

Ich bin sicher, dass Schulz & Böhmermann genauso gut altern wird wie Roche & Böhmermann, die man sich (zumindest teilweise) immer noch super auf YouTube anschauen kann, ohne sich zu langweilen. Das ist eine ziemliche Leistung und würde ich von keiner anderen Talkshow behaupten.


Ich habe eine Woche lang mein Leben optimiert. Glücklicher gemacht hat es mich nicht.

03. Februar 2016

klimmzug

„Warum habe ich mich auf den Quatsch eingelassen?“ frage ich mich, während ich in einem Park an einer Metallstange hänge. Meine Arme habe ich durchgestreckt, meine Fußspitzen baumeln kurz über dem Boden. Es ist Anfang Januar, es ist kalt, es regnet. Und ich hänge an der Stange wie wie ein nasser Sack.

Warum? Ich bin ein Versuchskaninchen der Redaktion: Eine Woche soll ich mich selbst optimieren, mithilfe von Apps, Internet und guten Vorsätzen. Wir wollen herausfinden, was das mit uns macht. Oder besser gesagt: mit mir. Deshalb lasse ich mir seit ein paar Tagen von meinem Smartphone sagen, ob ich gut geschlafen habe. Eine andere App zählt meine Schritte durch Berlin. Anfangs habe ich auch meine Kalorienzufuhr im Smartphone notiert, aber das war mir schon nach zwei Tagen zu blöd: Habe ich nun 200 Gramm Nudeln gegessen, oder 250 Gramm? Wie viel Kalorien hat die Bratensauce in der Mensa? Mir doch egal. Stattdessen helfe ich mir mit guten Vorsätzen aus: keine Süßigkeiten aus dem Supermarkt nur selbst zubereitetes Süßes ist erlaubt. Keinen Alkohol. Viel Gemüse. Und viel Sport.

Nach dem Training trinke ich einen Eiweißshake. Er schmeckt scheußlich

Möglichst günstig soll der Spaß sein. Im Internet bin ich auf eine Community gestoßen, deren Mitglieder „Body Weight Training“ betreiben. Das sind Kraftübungen, die ich mit wenigen Hilfsmitteln mit dem eigenen Körpergewicht ausüben kann. Fast überall, ohne Fitnesscenter. Deshalb hänge ich jetzt bei Regen im Park an einer Stange herum und soll mich hochziehen, einen Klimmzug machen. Ich spanne meine Bauchmuskeln an, spüre plötzlich meinen ganzen Körper. Meine Gesichtsmuskeln verziehen sich zu einer Fratze. Ich ziehe und ziehe, aber die Stange kommt nicht näher. So wird das nichts. Die Leute im Internet predigen in diesem Fall: „no excuses“, keine Entschuldigungen. Wer noch keinen Klimmzug kann, beginnt nicht mit ausgestreckten Armen, sondern springt in die Endposition und lässt sich langsam herunter. Bis zu acht Mal. Oder bis ich keine Kraft mehr habe. Ich schaffe fünf Wiederholungen. Vor den Kraftübungen habe ich bereits zehn Minuten lang einen Handstand an der Wand geübt. Eine Stunde geht das Training, danach laufe ich nach Hause und trinke einen Eiweißshake, um meine Muskeln mit Proteinen zu versorgen. Die Leute im Internet sagen, das muss ich machen, sonst ist alles umsonst. Er schmeckt scheußlich.

Mein Handy sagt, ich soll weiterlaufen. Also laufe ich

Gesund leben ist ein Trend: Bio-Supermärkte öffnen in Teilen Berlins, wo bisher nur Dönerbuden waren. Früher war es etwas besonderes, Vegetarierin zu sein. Die Zeiten sind vor bei, die cool kids ernähren sich heute vegan. Es gibt Yoga für Studierende, für Kinder, für Mütter, für Senioren. Und im Silicon Valley werden Arm- und Halsbänder erfunden, die unsere Schritte zählen, uns beim Schlafen überwachen, uns helfen wollen, uns besser zu ernähren. „There’s a better version of you out there. Get up and find it.“ – Eine bessere Version von mir verspricht mir ein Hersteller eines Fitness-Armbands. In seinem Werbevideo sind lauter schönen Menschen, die in der Abendsonne laufen gehen. An sie muss ich denken, als ich an einem düsteren Nachmittag joggen gehe. Ich schwitze, spüre meine Hände kaum, weil der Wind so kalt ist. Ich fühle mich schrecklich, aber mein Handy sagt, ich muss noch zwei Kilometer weiterlaufen. Also laufe ich.

Die Idee, alle möglichen alltäglichen Aktivitäten zu messen, kam der sogenannten „Quantified Self“-Bewegung. Wenig überraschend wurde auch sie im Bereich um San Francisco gegründet. Und es geht nicht nur um Fitness: auf der Website der Bewegung sprechen junge und gut aussehende Menschen davon, wie sie Daten sammeln, um pünktlicher zu sein, ihre Zeitverteilung zwischen Zuhause und ihrem Arbeitsplatz zu optimieren und die Zusammensetzung ihres Kaffees zu messen. Je mehr Daten, desto besser. Wer das eigene Verhalten aufzeichnet, der verbessert es auch, das ist die Logik. Diese Idee ist nicht neu: wer zu viel Geld ausgibt, hat oft das Problem, dass sie nicht weiß, wofür. Und wer abnehmen möchte, dem empfehlen Ärzte, die eingenommenen Mahlzeiten zu notieren. So hat man einen Ausgangspunkt und weiß, woran sich arbeiten lässt. Früher geschah das mit Papier und Stift. Neu ist jetzt, dass es Sensoren und Smartphones gibt, die jederzeit wissen, wo wir sind, was wir machen und ob uns das gut tut. Sie überwachen mich und sagen: da geht noch was.

Eine App weiß genau, wann ich wo war. Inzwischen hat Facebook sie gekauft

Eine Woche gehe ich joggen, mache Klimmzüge und gehe zum Yoga. Meine Schrittzählerapp hält mich dazu an, jeden Tag mehr zu Fuß zu gehen. Mein Schlaftracker sagt mir: du hattest heute Nacht eine Schlafeffizienz von 82%. Weniger als 85% ist schlecht. Wie ich mich nach dem Aufstehen fühle, ist plötzlich egal. Die Apps wissen alles besser als ich. Sie wollen nur mein Bestes, sagen sie mir. Aber ich glaube das nicht. Was sie alle wollen: meine Daten. Ich soll ein Konto anlegen, um meine Ernährungsdaten, meine Bewegungsmuster und mein Schlafverhalten auf die Server der Hersteller zu senden. Damit sie ihren Service verbessern können, sagen sie. Die App, die meine Schritte zählt, weiß genau wann ich wo war und wie ich dort hingekommen bin. Sie misst die Geschwindigkeit, mit der ich mich fortbewegt habe und weiß: du bist S-Bahn gefahren, um 9:58 Uhr bist du bei der Arbeit angekommen. Und sie will, dass ich diese Infos mit ihrem Hersteller teile. Früher war die App kostenpflichtig, dafür gehörten den Nutzerinnen ihre Daten. Inzwischen ist die App kostenlos. Facebook hat sie gekauft.

Im Laufe der Woche merke ich vor allem wie zufrieden ich mit mir bin. Die angenehmste Zeit habe ich beim Yoga, bei der keine App mir sagt, was ich besser machen soll. Stattdessen entspanne ich mich einfach im „Abwärts schauenden Hund“. Danach schwebe ich über den Asphalt. Es ist wunderbar. Klar, ich mache zu wenig Sport und bin gelegentlich unpünktlich. Aber ich bastele deshalb keine App, sondern gehe früher von Zuhause los. Am leichtesten fallen mir die guten Vorsätze, die ganz ohne App auskommen: statt Pommes esse ich Bohnen zum Schnitzel. Statt einem Schokoriegel zum Nachtisch gibt es eine Banane. Schmeckt auch gut. Es ist mir unangenehm, dass ich nicht mal im Schlaf meine Ruhe vor meinem Handy habe, das unter dem Kopfkissen liegt, damit mir am nächsten Morgen eine App sagen kann, ich habe schlecht geschlafen. Als die Woche rum ist, lösche ich deshalb alle Apps von meinem Handy. Abends gehe ich auf eine Party und trinke mehr, als mir gut tut. Aber das ist mir egal. Das war es wert. Nur an dem Klimmzug arbeite ich noch.

Der Text ist schon ein Jahr alt und ursprünglich auf dem Jugendblog des Tagesspiegels erschienen. Aus aktuellem Anlass (gute Vorsätze und so), veröffentliche ich ihn hier nochmal.


„Taxi?“

27. Januar 2016

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Die wohl häufigste Frage auf Kuba lautet: „Taxi?“ Sie wird uns über vierspurige Straßen zugebrüllt, in engen Gassen zugeflüstert und auf großen Parkplätzen von Oldtimerbesitzern mit weit geöffneten Armen und einladendem Lächeln gestellt. Die Oldtimer sind kein zu viel fotografiertes Klischee, sondern tatsächlich überall auf Kuba unterwegs. Nach der Revolution von 1959 kamen keine westlichen Autos mehr nach Kuba. Deshalb reparieren die Kubaner die alten Fahrzeuge seit Jahrzehnten. Wer keinen alten Chevy oder Cadillac hat, fährt Lada.

Autos sind wertvoll: Wer eins hat, kann Taxi fahren. Und Taxi fahren bringt mehr Geld ein, als jeder andere Job: Der Lohn scheint für fast alle Berufe gleich zu sein und zwischen 15 und 20 CUC pro Monat zu liegen – aber eine Touristin zum Flughafen zu fahren, bringt bereits 25 CUC. Gerade in Havanna sind die Taxifrager tagsüber deshalb überall. Autos sind dabei nur eine von drei Alternativen. In Havanna teilen sie sich die Straße mit Rikschas, die durch jede Gasse heizen. Die Rikschas haben meist keine Klingel, deshalb haben sich die Fahrer einen lauten Pfiff antrainiert, um unaufmerksame Passanten zu verscheuchen. Die dritte Alternative begegnet uns außerhalb von Havanna. Dort sind Taxis meistens Pferdekarren.

Als wir abends tatsächlich ein Taxi brauchen, finden wir zunächst keins. Halb Havanna scheint unterwegs zur nächsten Bar zu sein. Wir warten auf dem Bürgersteig und winken den vorbeifahrenden Wägen zu. Nach einigen Minuten bremst ein himmelblauer, kurviger Chevy auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf der vorderen Sitzbank sitzt bereits ein Pärchen rechts vom Fahrer, auf der hinteren ein junger Mann.

Noch vor dem Einsteigen beginnt der wichtigste Teil der Taxifahrt: Der Preis muss verhandelt werden. Wir wollen nach Vedado, einem Stadtteil im Nordwesten Havannas, knapp fünf Kilometer von unserer Wohnung in Centro Habana entfernt. Der Fahrer beginnt scheinbar zu überlegen. Dabei hat er sicher längst einen (zu hohen) Preis im Kopf. Er schlägt zehn CUC vor, knapp zehn Euro. Wir bieten fünf. Ein prüfender Blick – einsteigen bitte. Was die Einheimischen zahlen? Keine Ahnung. Als wir am Vorabend zwei Kubanerinnen für uns verhandeln ließen, zahlten wir vier CUC für eine Fahrt – was sie ohne uns gezahlt hätten, vergaßen wir zu fragen.

Wir steigen ein. Gurte gibt es auf den breiten Sitzbänken keine, amerikanischer Pop plärrt aus dem nachgerüsteten, importierten Markenradio. Das Pärchen steigt etwas weiter die Straße herunter aus, der Mann, der mit uns auf der Rückbank saß, rutscht vor. Er ist der Kollege des Fahrers – oft fährt einer den Wagen und der andere kassiert das Geld. Auf dem weichen Sitzpolster wogen und kurven wir durch Havannas Straßen, jedes Schlagloch vermeidend. Außer Taxis sind kaum Autos unterwegs. Die Laternen und die Rückleuchten der Oldtimer tauchen Havannas Straßen nachts in rotes und gelbes Licht. Die Bürgersteige sind nicht beleuchtet, deshalb scheinen am Straßenrand nur einzelne Verandas neonweiß hervor. Nach knapp zehn Minuten sind wir da.

Ich bin im Januar zehn Tage durch Kuba gereist. In mehreren Beiträgen halte ich die Stimmung auf Kuba und die Eigenheiten des Landes fest.


↬ frankchimero.com: Hi, I'd Like To Add Myself to The New Yorker

07. Januar 2015

A few months ago, I stumbled into the little cottage industry of media manipulation. I weaseled my way into international publication, collected accolades left and right, then moonwalked out. I wish I could credit all of it to cunning, but this is just another story of an idiot hero, more like Inspector Clouseau than Sherlock Holmes. It’s a convoluted story, so best to start at the very beginning.

Frank Chimero twittert in der U-Bahn einen witzigen Gedanken und schafft es damit in den New Yorker.


↬ newyorker.com: „Serial“ Season Two is here

10. Dezember 2015

Heute ist die erste Folge der zweiten Staffel von Serial erschienen. Sie handelt von Bowe Bergdahl, einem amerikanischen Soldaten, der in Afghanistan von den Taliban entführt und nach fünf Jahren Gefangenschaft von Barack Obama im Austausch gegen fünf Talibankämpfer befreit wurde.

Bergdahl sollte eigentlich als Held gefeiert werden, bis herauskam, dass er seinen Posten unerlaubt und freiwillig verlassen hatte. Seitdem wird Bergdahl als Verräter und Desterteur bezeichnet. Donald Trump sagte zu Bergdahls Fall, dass man Deserteure früher erschossen habe, aber heute gehe das ja leider nicht mehr.

In der ersten Staffel war die entscheidende Frage, ob Adnan Syed seine damalige Freundin Hae Min Lee umgebracht hat. Im Fall von Bergdahl sind die wichtigsten Fakten aber nicht umstritten – deshalb geht es in der zweiten Staffel um etwas anderes, schreibt Sarah Larson für den New Yorker:

The basic facts in the case of Bergdahl are known, and most parties involved agree on what they are. But what those facts mean, what Bergdahl actually experienced in the Army, his motivations for leaving his platoon, and the many terrible consequences of that decision are more complex, even existential.

Larson hat die Büros von Serial besucht und mit Sarah Koenig, der Moderatorin und Schöpferin des Podcasts über die zweite Staffel gesprochen:

What she wants from season two, Koenig said, is to use “Serial” to do something meaningful. “I do have that old-fashioned sense, as a reporter, that, I don’t know, we get to tell people shit! We get to disseminate information out into the world. I want to use that to make our democracy better. Honestly. I feel that way about my job. So we’re not going to say ‘Let’s do the most popular thing’ or ‘Let’s do the thing that’s going to feel like candy in your ears.’ You know what I mean? It’s just like, Let’s do shit that matters that we care about.”

Koenig said, “Maybe this is what we do on ‘This American Life’ or on ‘Serial,’ but I feel sympathetic toward everybody. I really do. Like, it is a fucking difficult, difficult thing that happened. It’s sad, it’s complicated, the stakes are really, really high for everybody. It’s just—that’s been interesting. I really didn’t have any feelings about this story before I started reporting on it. It wasn’t on my radar. And now I just feel like—my God. This is a tough one.”

Serial kooperiert für die zweite Staffel mit der Film-Produktionsfirma Page 1 von Mark Boal, der das Skript von „The Hurt Locker“ geschrieben hat. Er ist der einzige, dem Bergdahl seit seiner Rückkehr Interviews gegeben hat. Boal wollte einen Film aus Bergdahls Geschichte machen, deshalb hat er 25 Stunden Interviewmaterial angehäuft, aus dem die Staffel Teile entnimmt und entlang derer sie erzählt.

Serial erinnert mich an Fargo: Nachdem man die Charaktere der ersten Staffel ins Herz geschlossen hat, wischt die Serie die Tafel sauber und fängt ganz anders mit etwas ganz neuem an. Aber wie bei Fargo hat Koenig mich schon bei der ersten Folge der zweiten Staffel wieder gepackt.


Piroggen im Wedding

10. Dezember 2015

Im Mai 2014 war ich mit vier anderen Redakteuren der UnAuf auf Recherchereise in Polen. Vorher haben wir uns in der Pierogarnia auf unsere Reise eingestimmt.

Nicht jeder hat wie wir das Glück, im Auftrag der UnAufgefordert für eine Woche durch Polen zu reisen. Aber um in den Genuss polnischer Küche zu kommen, muss man das auch gar nicht. Stattdessen kann man einfach der Pierogarnia im Wedding einen Besuch abstatten.

Bevor wir nach Polen aufgebrochen sind, haben wir einen Abend in der Pierogarnia verbracht. Dort kann man zwei Dinge ganz wunderbar tun: sich den Magen vollschlagen, bis man platzt. Und Bier und Wodka trinken, bis man wieder Appetit bekommt. Hauptattraktion sind die Piroggen, die polnische Interpretation der Maultasche. „Pirogge“ ist wohl urslawisch und hieß ursprünglich „Gelage“. Der Name ist also Programm. Die Piroggen in der Pierogarnia sind handgemacht, werden dann in Wasser gekocht und mit gebratenen Zwiebeln serviert.

Wir haben uns einmal quer durch die Speisekarte gegessen: es gibt Piroggen gefüllt mit Schweinefleisch, mit Spinat und Feta, mit Kartoffeln und Käse, mit Sauerkraut und Pilzen und mit Linsen. Es braucht also kein Vegetarier oder Veganer mit leerem Magen nach Hause gehen. Und zum Nachtisch gibt es natürlich auch Piroggen. Die werden mit Vanillequark oder frischem Obst gefüllt und mit Semmelbröseln serviert.

Neben der Piroggen bietet die Pierogarnia aber auch Bigosch (ein Eintopf mit Sauerkraut und Speck) und eine sehr leckere Rote-Bete-Suppe („Barszcz“), die auf Wunsch „mit Öhrchen“ serviert wird. Das sind Tortellini, gefüllt mit Sauerkraut und Waldpilzen. Dazu trinkt man polnisches Bier und hinterher ausgezeichneten Wodka. Wer also gerade keine Zeit hat, nach Polen zu reisen, findet in der Pierogarnia einen sehr sättigenden Ausgleich. Guten Appetit von der UnAufgefordert!

Pierogarnia
Turiner Straße 21 (Nähe der U6, Station „Leopoldplatz“)
Dienstag bis Freitag ist ab 16 bis „mindestens“ 22 Uhr geöffnet, Samstag ab 13 Uhr. Sonntag und Montag geschlossen.