Omaha Beach, Normandie

06. Dezember 2018

omaha


„Der Weihnachtsmann ist in der Krise“

01. Dezember 2018

weihnachtsmann

Den Bart muss er noch weißen. Stephan Antczack, Oberweihnachtsmann von Berlin wohnt in einem Hinterhof eines Altbaus im Erdgeschoss, die Stiefel hat er schon an, als das Interview beginnt, die weißen Stricksocken ragen über sie hinaus. Aber fertig zieht er sich erst nach dem Gespräch an.

In Antczacks Wohnung hängen Theaterkleider über dem Bett, Bücherregale türmen sich bis zur Decke. Ein ganzes Regal besteht nur aus Bertolt-Brecht-Literatur, daneben regalweise Bücher zu Psychologie und Medizin, Geschichte und Kunst. Neben ihm auf der Couch sitzen in Plüsch Papa Schlumpf, Schlumpfine und Ernie. Antzcack ist Theaterpädagoge, psychiatrischer Pfleger und eben Oberweihnachtsmann. So heißen diejenigen, die die Weihnachtsmannvermittlung des Berliner Studierendenwerks organisiert haben.

Das Berliner Studierendenwerk hat seit 1949 Weihnachtsmänner und -engel in Berliner Familien vermittelt, doch jetzt hört es damit auf – zu wenig neue Weihnachtsmänner haben sich beworben. Es wird ein Gespräch über die Krise des Weihnachtsmanns, was die Figur für unsere Kultur bedeutet und was man über die deutsche Familie lernt, wenn man sie jahrzehntelang an Heiligabend besucht.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Antczack, Sie sind der Oberweihnachtsmann Berlins. Jetzt hört das Studierendenwerk auf, Weihnachtsmänner zu vermitteln. Ist der Weihnachtsmann in der Krise?

Stephan Antczack: Ja, der Weihnachtsmann ist in der Krise. Es ist eine große Zäsur, dass das Studierendenwerk die Vermittlung an den Nagel gehängt hat. Es geht darum, wie es mit der Tradition des Berliner Weihnachtsmanns weiter geht. Wird es weiter Menschen geben, die uns bestellen oder wird es einfach irgendwann vergessen werden und der Weihnachtsmann ist nur noch eine Figur, die im Bilderbuch vorkommt.

ZEIT Campus ONLINE: Wie viele Weihnachtsmänner gibt es noch in Berlin?

Antczack: Ich schätze etwa 200 Weihnachtsmänner, -frauen und -engel.

ZEIT Campus ONLINE: Und das sind zu wenig?

Antzcack: Ja, Wir brauchen mindestens 100 Weihnachtsmänner zusätzlich. Aber wir haben ja niemanden, der die ausbildet – das Studierendenwerk hat normalerweise rund 100 bis 150 Leute neu ausgebildet.

ZEIT Campus ONLINE: Wie sieht die Ausbildung aus?

Antczack: Man bekommt einen Workshop, um den angehenden Weihnachtsmännern und -frauen eine Struktur für die Performance hat. Das habe in eingeführt, als ich 2009 Oberweihnachtsmann wurde. Vorher gab es Castings und das hat nicht funktioniert.

ZEIT Campus ONLINE: Warum nicht?

Antczack: Die Leute zogen einen roten Mantel über, banden sich einen Bart um und haben sich gefühlt wie Plastik und haben sich gefragt: was soll ich jetzt machen? Die hatten keine Ahnung, was sie machen sollten, wenn sie als Weihnachtsmann auftreten. Viele hatten gar keinen Weihnachtsmann erlebt. Sie müssen sich das vorstellen: Sie sind Student, Sie sind abhängig, Sie brauchen Geld, Sie sind in Hektik, haben viele Termine, haben überhaupt nichts zu melden. Sie kennen die Kinder nicht, Sie kennen die Familie nicht, oft ist der Weg schwierig. Das sind alles Faktoren, die Sie im Status ganz nach unten setzen. Aber spielen müssen sie einen Megastatus: den Weihnachtsmann. Da kommt nur noch der liebe Gott drüber. Wir haben ihnen beigebracht, sich in diese Rolle reinzufühlen, zu sagen: So, jetzt habe ich den roten Mantel an, jetzt bin ich der Chef. Und wenn der Papa Banker ist oder Michael Müller heißt und Regierender Bürgermeister von Berlin ist, sagt man: Papa, mach bitte die Musikanlage aus, jetzt rede ich! Wir machen jetzt Bescherung! So.

ZEIT Campus ONLINE: Man muss sich verwandeln.

Antczack: Genau. Gestern zum Beispiel war ein Kollege von mir als Weihnachtsmann am Breitscheidplatz eingeladen, die Bescherung zu eröffnen und das muss man sich vorstellen: Der Bürgermeister hat auf den Weihnachtsmann und die Engel gewartet. Jetzt könnte ich noch eine Geschichte über den Engel erzählen, aber das darf ich leider nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet es, dass das Studierendenwerk keine Weihnachtsmänner mehr vermittelt?

Antczack: Ich glaube, das ist ein riesiger kultureller Einschnitt. Das ist eine Tradition, die jetzt 68 Jahre gehalten hat, wir sind im 69. Jahr. Nächstes Jahr wird der Berliner Weihnachtsmann 70 Jahre alt. Und das ist in Berlin eine richtige Kultur, die es sonst nirgenwo auf der Welt gibt in diesem Umfang. Dass eine Einrichtung, die Jobs für studierende vermittelt, so eine Aufwand betreibt, dass über 3.000 Familien einen Weihnachtsmann bestellen. Das gibt es sonst nirgendwo in der Welt.

ZEIT Campus ONLINE: Warum hat das Studierendenwerk das jetzt aufgegeben?

Antczack: Ein Grund ist die Bologna-Reform von vor 15 Jahren. Die Studierenden bekommen einen Stundenplan vorgelegt, wo festgelegt ist, wann man welche Veranstaltung zu besuchen aht und dass man schnell durchkommt. Das führt dazu, dass man mehr oder weniger gar nicht mehr nebenbei arbeiten kann. Das heißt, wer auf diese Art studiert, muss ein Stipendium mitbringen oder Geld von Mama und Papa. Und hat keine Zeit sich damit zu beschäftigen.

ZEIT Campus ONLINE: Vielleicht ist der Beruf des Weihnachtsmanns auch weniger attraktiv geworden.

Antczack: Nein, ich wüsste auch nicht warum.

ZEIT Campus ONLINE: Andere Jobs, die man machen kann, sind auch ganz gut bezahlt, man kann sich für die berufliche Laufbahn qualifizieren und muss nicht an Heiligabend arbeiten.

Antczack: Ja, der Weihnachtsmann ist nichts, was einen dauerhaft ernährt. Weihnachtsmann ist man einen Tag im Jahr. Aber es ist was fürs Herz, weil man ganz viel Liebe gibt, aber auch viel Liebe und Anerkennung zurück bekommt. Man kriegt viel Applaus, viel Aufmerksamkeit.

ZEIT Campus ONLINE: Sind Sie auch deswegen dazu gekommen?

Antczack: (zögert lange) Sicher auch mit.

ZEIT Campus ONLINE: Wann haben Sie angefangen?

Ich habe 2002 angefangen. Als ich Kind war, hat den Weihnachtsmann immer der Opa gemacht und ich habe ihn enttarnt. Höflich natürlich. Ich ging hinterher zu Mama und sagte: Mama, ich glaube der Weihnachtsmann, das ist Opa.

ZEIT Campus ONLINE: Woran haben Sie ihn erkannt?

Antczack: Er hatte immer so eine Maske auf mit so zwei Punkten, wo er durchgucken konnte. Also nur hinter den zwei Punkten hat es sich bewegt, das war sehr gruselig. Nur hatte der Weihnachtsmann immer denselben Schnürsenkel offen wir Opa und den selben Nadelstreifenanzug unterm Weihnachtsmannkostüm und roch genauso nach Zigarre. Und was mich am meisten geärgert hat, war dass Opa weg war, wenn der Weihnachtsmann kam und ich Opa nie den Weihnachtsmann zeigen konnte. Aber immer musste Opa aufn Bau, wenn der Weihnachtsmann kam. Er hat auf einer Baustelle gearbeitet, ist LKW gefahren.

ZEIT Campus ONLINE: Wie ging es weiter nach der Enttarnung?

Antczack: Wir haben zwei Jahre lang jemanden vom Studierendenwerk gekriegt – das ging so. Und dann hat unsere Mutter gesagt: Ihr glaubt eh nicht mehr an den Weihnachtsmann, jetzt gibt es keinen mehr. Dann haben meine ältere Schwester und ich geschrien: „Nein Mama, das geht nicht, die Marion, die ist noch so klein!“ Das war unsere kleinere Schwester. „Die braucht einen Weihnachtsmann!“ Und dann haben meine Schwester und ich uns verkleidet: Ich als Weihnachtsmann und sie als Engel. Und der Joke war natürlich, dass wir ordentlich die Erwachsenen vertrimmt haben. Damals gab es ja noch die Rute.

ZEIT Campus ONLINE: Wie alt waren Sie da?

Antczack: Zehn oder elf. Mitte der 70er Jahre muss das gewesen sein. Und ich mache das mit meiner Schwester bis heute zusammen. Ich habe erst einzeln angefangen und irgendwann kam sie dazu.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kam es dann dazu, dass Sie damit angefangen haben?

Antczack: Ich habe Kunst und Geschichte studiert und habe damals gedacht: Ich fand das als Kind gut und kann das doch mal ausprobieren. Also habe ich mir ein Kostüm gekauft mit Bart für 50 Euro und angefangen.

ZEIT Campus ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Bescherungen?

Antczack: An einige, ja. Bei einer hatte ich Lederhandschuhe an statt weißer – und habe vor lauter Aufregung vergessen, meinen Rucksack abzusetzen. Ich hatte den Sack dabei, aber den Rucksack mit meinen persönlichen Sachen hatte ich noch an. Und ich hatte anfangs Schwierigkeiten, mir den Knecht Ruprecht von Theodor Storm zu merken. Aber ich habe ihn dann erstmal als Vierzeiler gebracht und ihn stückweise schritt für Schritt jedes Weihnachten mehr davon dazu gelernt. Inzwischen kann man mich wecken und ich ich sage das Gedicht auf.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet es, Weihnachtsmann zu sein?

Antczack: Der Weihnachtsmann bringt uns das Gute, er konfrontiert uns mit unseren Wünschen. Darum geht es mir: Sich Gedanken zu machen, was wünsche ich mir? Was sind die Wünsche anderer? Und wie kriegen wir das als Gesellschaft hin, unsere Wünsche miteinander zu vereinen?

ZEIT Campus ONLINE: Und diese Frage tragen Sie in die Familien hinein?

Antczack: Ja, im Gespräch mit den Eltern geht es immer um Wünsche. Wir hören uns an, wie sich die Kinder entwickelt haben. Es geht es dann schnell darum, was die Kinder sich wünschen und darum, was die Eltern denken, was der Weihnachtsmann den Kindern sagen sollte.

ZEIT Campus ONLINE: Was wünschen sich die Eltern?

Viele wünschen sich Kinder, die funktionieren. Sie wollen einen reibungslosen Ablauf. Die Eltern sagen oft, was nicht passieren soll: Die Kinder sollen nicht streiten, zum Beispiel. Wo ich immer sage: Seien Sie froh, dass sie streiten, denn sie machen eine Entwicklung durch. Kinder dürfen ihre Interessen aushandeln. Wenn sie nicht streiten, sollten Sie mit ihrem Kind zum Psychiater gehen. Aber dahinter steckt natürlich ein anderer Wunsch.

ZEIT Campus ONLINE: Welcher?

Dass die Eltern auch mal ihre Ruhe haben wollen. Das darf ich als Weihnachtsmann natürlich mithören. Es haben nicht nur die kleinen Kinder Wünsche, sondern auch die großen. Wenn ich das ernst nehme und transparent mache, dass auch die Wünsche der Eltern berechtigt, kriegt das eine andere Dimension – den Eltern wird bewusst: Ich habe Interessen und Bedürfnisse und die sind genauso berechtigt.

ZEIT Campus ONLINE: Ist den Eltern das nicht bewusst?

Nein. Viele Eltern gehen arbeiten und sind natürlich stolz auf ihre Kinder, müssen sich ja. Aber es ist enorm anstrengend, wenn man noch so kleine Blagen hat, die immer irgendwas wollen. Die wollen ja immer was! Das ist auch ihre Rolle und die Aufgabe von Kindern, immer etwas zu wollen und abhängig zu sein. Aber es ist natürlich auch enorm anstrengend, immer die Macht zu haben als Eltern. Immer sagen zu müssen: Du machst das, du machst das.

ZEIT Campus ONLINE: Und Sie als Weihnachtsmann nehmen den Eltern die Macht ab?

Antczack: Bei mir dürfen die Eltern sagen, was sie stört und ihren inneren Konflikt ausleben: einerseits sind sie stolz, dass sie Kinder haben, aber andererseits nerven die Kinder sie auch, aber das dürfen sie natürlich niemals sagen! Das können Sie ja nicht machen, zugeben, dass Ihre Kinder Sie stören. Aber mir, dem Weihnachtsmann dürfen sie das sagen. Und ich sage ihnen dann, dass das in Ordnung ist, dass es natürlich nervig und anstrengend ist, Kinder großzuziehen.

ZEIT Campus ONLINE: Sind die Eltern erleichtert, wenn sie ihnen das sagen?

Antczack: Oft, ja. Sie reagieren dann gelöst und lachen.

ZEIT Campus ONLINE: Weil sie sonst niemanden haben, dem sie das sagen können?

Antczack: Nein, ich bin ja kein Pastor. Das ist mein individueller Punkt als Weihnachtsmann, dass ich einen emanzipatorischen Ansatz habe, dass es mir darum geht, dass die Menschen sich ihrer Bedürfnisse bewusst werden und sich mit ihren Wünschen beschäftigen. Und dass es okay ist, Wünsche zu haben, die nicht politisch korrekt sind in Bezug auf die Kinder. Von Eltern wird viel gefordert, aber sie bekommen sehr wenig Anerkennung dafür, was sie tun. Deswegen erkenne ich das an.

ZEIT Campus ONLINE: Wann waren die Hochzeiten des Weihnachtsmanns?

Antczack: Als die Mauer gefallen ist, kamen die ostdeutschen Universitäten dazu und da war so viel im Umbruch und so viel Orientierungslosigkeit, dass irre viele Leute einen Weihnachtsmann bestellt haben. Da gab es 10.000 Bescherungen. Weil die Menschen nicht wussten: Was passiert jetzt? Aber Weihnachten wollten sie schön haben, darauf konnte man sich verlassen.

ZEIT Campus ONLINE: Und zuletzt?

Antczack: Das Studierendenwerk hat 3.000 bis 4.000 Bescherungen gemacht. Die Berliner Weihnachtsmannzentrale vermittelt auch nochmal gut 1.000 Bescherungen, das Weihnachtsbüro vielleicht nochmal so 500, dann gibt es Angelas Engelangetur, die haben vielleicht auch nochmal so 200 Bescherungen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie viele Bescherungen machen Sie an Heiligabend?

Antczack: Etwa 15.

ZEIT Campus ONLINE: Wie läuft die Bescherung ab?

Antczack: Wollen Sie selbst Weihnachtsmann werden?

ZEIT Campus ONLINE: Nein, ich hatte nur selbst nie einen Weihnachtsmann zu Hause und schätze, es geht vielen anderen auch so.

Antczack: Gut. Der Weihnachtsmann bekommt eine Tour und stellt sich dann eine Route zusammen – es geht mit einem Explorationsgespräch los, wo man die Kinder und die Familie kennen lernt und die Familie den Weihnachtsmann kennen lernt: Was macht der sonst im Leben? Da stellt man die Chemie her zwischen wildfremden Leuten, die sich kennen lernen. Dann fährt der Weihnachtsmann seine Tour vorher ab, sonst hat er Heiligabend ein echtes Problem.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Antczack: Es kommen meist Ungereimtheiten dazwischen: Da springt die Kette vom Fahrrad ab oder es passiert ein Unfall. Ich habe auch schon mal Erste Hilfe im Dienst geleistet.

ZEIT Campus ONLINE: Bei der Bescherung?

Antczack: Nein, davor. Ich war auf der Straße, unterwegs zu einer Bescherung, ein alter Mann wurde umgefahren, hatte eine Kopfplatzwunde und bevor ich die Bescherung in der Kita machen konnte, habe ich ihn erstmal ins Gesundheitszentrum gebracht.

ZEIT Campus ONLINE: Waren Sie schon in Verkleidung?

Antczack: Nein, aber es muss ja trotzdem gemacht werden. Ich kann ihn da ja nicht liegen lassen.

ZEIT Campus ONLINE: Deswegen muss man vorher seinen Weg kennen.

Antczack: Ja, genau. Man muss die Orte finden: Wenn die Eltern von einer Mülltonne reden oder von einem Verschlag wo die Geschenke versteckt sind, muss man wissen, welcher ist denn da gemeint? Sonst bist du am suchen und bei fünf bis zehn Minuten suchen pro Familie schon hat man eine halbe Stunde versiebt, das sind drei Weihnachtslieder, die man hätte singen können. Und wenn wirklich mal was passiert, habe ich eine Telefonkette, wo die Familien sich gegenseitig informieren: Der Weihnachtsmann kommt eine halbe Stunde später, sodass ich nicht alle Familien einzeln anrufen muss.

ZEIT Campus ONLINE: Und wenn Sie ankommen?

Antczack: Dann nehme ich den Sack, der vorbereitet vor der Tür steht, klopfe, gehe mit Gebimmel rein und dann: Hohoho! Draußen vom Walde komm ich her, darf euch sagen es weihnachtet sehr, allüberall auf den Tannenspitzen seichtgeoldene Lichtlein blitzen und so weiter, dieses riesengroße Gedicht. Das ist schon mal eine Performance, ein Auftritt, ein Statement. Und dann singen wir gemeinsam zwei, drei Weihnachtslieder und ich hole das goldene Buch vor und schaue: Ah! Die Maria hat dieses Jahr ja ganz toll laufen gelernt! Und Jason hat in der Schule wunderbar in Englisch in der Schule mitgemacht? Und Jessica, du hast doch ein Gedicht gelernt, oder? Und der Weihnachtsmann bringt Geschenke und er nimmt gern Geschenke: Er holt sich gern Gedichte ab, Kinderzeichnungen, alles mögliche. Manchmal kriege ich Kekse. Manchmal kriege ich auch Schnuller, ich habe eine große Schnullersammlung.

ZEIT Campus ONLINE: Von wem kriegen Sie denn Schnuller?

Antczack: Von Kindern!

ZEIT Campus ONLINE: Die geben ihnen die?

Antczack: Ja. Ich war neulich im Finnlandzentrum und da kommt immer der finnische Weihnachtsmann, der Joulupukki. Und der saß dort. Ich habe mich gefreut und schaute dem Joulupukki zu – und da kam ein kleines Kind und bringt ihm den Schnuller. Und der sagt: „BÄH! Geh weg!“ Und da bin ich hinterher zu ihm und hab ihm gesagt: „Jolopoki, sorry, aber der Weihnachtsmann nimmt alle Geschenke an. Das ist in Berlin Tradition, dass die Kinder ihren Schnuller beim Weihnachtsmann abgeben.“

ZEIT Campus ONLINE: Warum machen die Kinder das?

Antczack: Die Frage habe ich den Eltern auch oft gestellt: Warum sollen die den Schnuller abgeben? Und die Eltern sagen: Sie sollen lernen, ohne Schnuller zu leben. Die Eltern sagen den Kindern, gib mal deinen Schnuller beim Weihnachtsmann ab. Weil es ein Zeichen dafür ist: Jetzt werde ich erwachsen. Jetzt brauche ich den Schnuller nicht mehr. Ich finde das sehr übergriffig. Ich sage den Eltern immer: Ich frage nie nach dem Schnuller. Ich habe auch schon Eltern gehabt, die gesagt haben, ich rufe Sie nur wegen dem Schnuller. Manchmal sind die Kinder so aufgeregt, die bringen mir sofort ihre Schnuller, sobald ich ankomme.

ZEIT Campus ONLINE: Was geht denn so schief bei Bescherungen?

Antczack: Alles mögliche. dass man sich versingt oder man nimmt sich vor: Wir nehmen einen Lebkuchen und dann packt man die Lebkuchen aus, hat aber kein Messer da. Oder man hat die Lebkuchen im Auto vergessen. Aber ich kann in der Rolle ja nicht sagen, lass uns mal zurück zum Auto gehen. Ich habe einmal zu meiner Schwester gesagt: Sag mal, Sternchen, können wir nicht nochmal zurück zum Schlitten? Da hat sie mich danach angeschrien: Du kannst doch nicht sagen, dass wir zurück zum Auto gehen sollen! Dabei hatte ich ja ganz bewusst nicht Auto gesagt.

ZEIT Campus ONLINE: Sagen die Kinder auch: „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht!“?

Antczack: Nö.

ZEIT Campus ONLINE: Die glauben Ihnen das immer?

Antczack: Ganz selten, bei Auftritten in Kindertagesstätten, mit 20 oder 30 Kindern, gibt es immer mal den ein oder anderen, der ein bisschen mutig wird und son Spruch bringt. Ich sage dann: „SO?! Mich gibts nicht? HM! Und wie erklärst du dir, dass ich jetzt hier bin wenn’s mich gar nicht gibt?“ Dann ist das Thema aufgelöst. Selbst wenn sie es nicht glauben, schauen sie fasziniert zu. Das ist unerheblich, ob man an den Weihnachtsmann glaubt. Die finden es toll, dass es dieses Ritual gibt.

ZEIT Campus ONLINE: Was lernt man, wenn man so lange Weihnachtsmann ist, über das deutsche Familienleben?

Antczack: (überlegt lange) Man lernt, dass gerade die Deutschen ein sehr schüchternes und zum Teil zwanghaftes Volk sind.

ZEIT Campus ONLINE: Inwiefern?

Antczack: Sie haben ganz viele Vorstellungen, wie eine Bescherung zu sein hat und trauen sich ganz oft nicht, mal etwas anders zu machen. Zum Beispiel, ihren Kindern zuzuhören. Nicht von den Kindern zu verlangen, dass sie ihnen zuhören, sondern selbst ihren Kindern zuzuhören. Und den Kindern Platz einzuräumen und dass die Kinder etwas über sie selbst aussagen.

ZEIT Campus ONLINE: Und wieso schüchternes Volk?

Antczack: Sie trauen sich ganz viele Sachen nicht infrage zu stellen. Wie Sachen zu sein haben.

ZEIT Campus ONLINE: Glauben Sie, dass der Beruf aussterben wird?

Antczack: Ich finde ja, Beruf ist sehr hoch gegriffen. Ich kann mir persönlich zwar wünschen, wenn ich irgendwann mal ablebe, dass meine Urne von Weihnachtsmännern zu Grabe getragen wird, aber letztendlich kriege ich das eh nicht mehr mit. Beruf? Meine Güte. Ich glaube nicht, dass es ausstirbt. Aber es wird sehr viel seltener und exklusiver werden. Dass es ein Luxus wird, einen Weihnachtsmann anzuheuern für Heiligabend. Ich würde mir wünschen, dass das eine Kultur ist, an der viele Menschen teilhaben können. Aber dafür muss man den Weihnachtsmann vielleicht infrage stellen.

ZEIT Campus ONLINE: Warum?

Antczack: Es ist wichtig, zu überlegen, warum gibt es diese Figur und was soll sie bewirken? Tradition ist etwas, das sich bewahrt, wo etwas sozusagen… verewigt ist ein doofes Wort – wo etwas verstetigt wird. Und Tradition ist aber auch etwas, das sich entwickelt. Den Weihnachtsmann als Gabenbringer, den man mieten und bestellen kann, hat es auch nicht immer gegeben. Das ist eine Tradition die 1949 entwickelt wurde, die hat sich bewährt und lange funktioniert. Und jetzt gibt es offensichtlich eine Veränderung. Und es gab auch in den Siebziger und Achtziger Jahren gab es Kulturhistoriker, die kritisiert haben, dass da fremde Männer in Familien reingehen und altbackene Vorstellungen an die Kinder weitergeben. Das finde ich auch fragwürdig. Das war immer meine Intention als Weihnachtsmann, einen anderen Gehalt reinzubringen. Ich würde mir wünschen, dass es die Tradition des Weihnachtsmannes, der Weihnachtsfrau und des -engels sich weiterentwickelt. Dass die Menschen das für sich zu nutzen lernen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie sprachen davon, dass ihnen wichtig ist, dass die Kinder sich emanzpieren, selbstständi werden. Aber dieser Prozess ist ja eigentlich dann abgeschlossen, wenn sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, Sie also nicht mehr gebraucht werden.

Antczack: (überlegt lange) Ja, ich glaube dass es wichtig ist, sich abzulösen. Aber ich habe erlebt, dass viele Kinder, die nicht mehr and den Weihnachtsmann glauben, es trotzdem toll finden, wenn er kommt. Wenn man das in Frage gestellt hat, setzt eine Neudefinition dessen ein: Ich habe entdeckt, dass der Weihnachtsmann ein ganz leiblicher Mensch ist – aber vielleicht entdecke ich trotzdem etwas gutes an diesem leiblichen Menschen, der kommt und sagt, er wäre der Weihnachtsmann. Wenn das gelingt, ist das eine völlig neue Qualität. Und auch das wird sich wieder ändern: Vielleicht sage ich irgendwann: Ich will den Weihnachtsmann nicht mehr sehen. Und zehn Jahre später hat man eine eigene Familie gegründet und denkt: Das war eigentlich ganz schön, jetzt bestelle ich für meine eigenen Kinder einen.

Dieses Interview ist gekürzt und redigiert auf ZEIT Campus ONLINE erschienen.


Berat fährt nach Auschwitz

09. Juli 2018

berat

Berat geht nach Auschwitz wie ein Cowboy. Breitbeinig, die Oberarme ausgestellt, als wären sie etwas dicker, als sie es tatsächlich sind.

Heute Morgen hat sich Berat im Hostel, wo es nach Moschus und getragenen Adiletten riecht, seine kurze Hose vom Vortag angezogen, ein weißes T-Shirt und die Nikes mit der weißen Sohle, die er mal im Superschlussverkauf in Holland für 20 Euro geschossen hat. Um den Hals hängt wie jeden Tag sein Kettchen, am rechten Arm schlackert das silberne Armband, in das sein Name und der seiner Ex-Freundin eingraviert sind. Die dunkelblonden Haare fallen ihm auf die Stirn, seine Schläfen sind frisch rasiert.

So läuft Berat über die Brücke, die über die Soła führt. Der Fluss trennt das sanierte Altstädtchen Oświęcim vom verfallenden, grauen Auschwitz. „Ich habe so lang darauf gewartet. Ich bin echt gespannt, was jetzt kommt“, sagt er.

Berat Ergüner ist 18, nächstes Jahr macht er Abi. Er kommt aus Duisburg-Hamborn, wo auf der Hauptstraße die Mercedes SL 65 AMG entlangheizen und sich die Fans der Istanbuler Fußballvereine nach Derbys gegenüberstehen. Wo ihn jeder kennt und ihm auf der Straße die Hand reicht und auf Türkisch einen Schnack hält. Sein Vater ist in der Türkei geboren, seine Mutter in Deutschland, aber ihre Mutter kommt auch aus der Türkei, aus demselben Dorf wie sein Vater, und wenn er das erzählt, fragt er: „Bruder, was für ein Zufall, kannst du das glauben?“

Berat nennt sich manchmal Kanake und gern Osmane. Er kann anderen beibringen, wie man richtig Shisha raucht: nicht oben am Mundstück greifen, sondern an der Stelle, wo Schlauch und Mundstück zusammenkommen. Und dann, wie ein echter Osmane, an den dicken Bauch halten. Wenn es einer nachmacht, grinst Berat ein Grinsen, das so breit ist wie sein Gang, und lacht. „Genau so, Bruder! Genau so!“ Berat lacht, wie er redet: viel und laut.

Der Bürgersteig ins ehemalige Konzentrationslager ist neu gepflastert, es riecht nach frisch gemähtem Gras. Der Himmel liegt blau über dem Ort, an dem die Deutschen zwischen 1940 und 1945 1,1 Millionen Menschen, vor allem Juden, umgebracht haben.

Berat ist ein junger Deutscher, der keine Verbindung zum Holocaust hat – er hat keinen Großvater, der in der Wehrmacht, keinen Uropa, der SS-Offizier war. Er ist ein Deutscher, der mit Auschwitz nichts zu tun hat. Oder?

Vor ihm laufen Max, Tim, Can, Souheil, Dustin, Dominik, Robin, Benjamin und Vladislav. Tim, dessen Sportsocken immer hochgezogen sind und immer farblich zum gebügelten Nike-Shirt passen. Souheil, dessen Eltern aus Marokko kommen und der tischkickern kann, als hinge sein Leben davon ab. Robin, der so still ist, dass man ihn fast vergisst, und Vladislav, „aber Vladi ist auch okay“, dessen Eltern aus Russland gekommen sind, damit es Vladi und seine Geschwister mal besser haben.

Die Jungs sind zwischen 16 und 20. Sie kommen wie Berat aus Duisburg-Hamborn, Duisburg-Marxloh oder Duisburg-Walsum – Stadtteile, die Deutschland nur kennt, weil sie in der Tagesschau Problemviertel heißen. Für sie sind Kollegah oder Farid Bang zwei von 100 Rappern, und die Auschwitzzeile, über die nach der Echoverleihung wochenlang diskutiert wurde, ist nur eine Zeile. Kollegah beleidige ja jeden, auch Dicke. Wo ist da der Unterschied?

Für die Jungs ist es normal, jemanden zu beleidigen, indem man ihn Scheißjude nennt, oder zu sagen: Dich hätten sie im KZ vergasen sollen. Und dass Berat dann antwortet: dich gleich mit. Nicht, weil er ein Depp ist, nicht, weil er Juden oder Israel hasst, sondern weil es einfach nichts Besonderes ist. So, wie es nichts Besonderes ist, zu Hause von seinem Vater eine aufs Maul zu bekommen, wenn man Scheiße gebaut hat. So wie „schwul“ und „behindert“ auf Schulhöfen in Deutschland normale Beleidigungen sind.

Ändern will das der Verein Jungs e.V., der diese Fahrt organisiert, zum sechsten Mal schon. In Workshops in Duisburg mit Jungs wie Berat stellten die Organisatoren fest, dass Antisemitismus Alltag ist, vor allem unter jungen Muslimen. Und dass niemand diesen Jungs das Gefühl gibt, echte Deutsche zu sein.

Wenn es um die NS-Zeit geht, hören manche von ihren Lehrern: Mit euch hat das ja nichts zu tun. Das ist der zweite Grund, aus dem sie hier sind: Um herauszufinden, was Auschwitz mit ihnen zu tun hat. Vor vier Wochen und fast 1.000 Kilometer von Auschwitz entfernt begann in Deutschland mit den Heroes die Vorbereitung: NS-Herrschaft, Rollenspiele, Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

“Ich will verstehen, warum die Nazis die ganzen Juden umgebracht haben“, sagt Berat. Er will die Gaskammern sehen, mit den Spuren der erstickenden Menschen an den Wänden, will sich hineinfühlen in das Grauen. Er will wissen, wie es gewesen wäre, als Häftling dort zu sein. Er interessiert sich schon lange für den Zweiten Weltkrieg, früher vor allem für Panzer und Soldaten. Dann gab ihm sein Informatiklehrer das Tagebuch der Anne Frank, 14 war er da. Er las es. „Das war krass“, sagt er.

Aber das mit Jude oder Holocaust als Schimpfwort, sagt er, das sei was anderes, da geht es darum, krass zu sein und dann blickt er kurz auf vom Bürgersteig, macht sich nicht mehr breit, schaut mit großen Augen wieder auf und fragt: „Weißt du, was ich meine?“

Was er meint, ist: Wenn du ein junger Mann in Duisburg-Hamborn bist, geht es um Respekt. Und Respekt kriegst du, wenn du ein geiles Auto fährst. Respekt kriegst du, wenn du heftige Dinge sagst. Und Scheißjude ist halt heftiger als Arschloch. Er sagt das in einem Ton, der klingt wie: Das ist einfach so. Aber Auschwitz, das sagt er auch, Auschwitz wird das verändern. „Das wird ein Faustschlag ins Gesicht, glaube ich. Ich glaube nicht, dass ich danach noch Witze über den Holocaust bringen werde.“

Berat tritt durch eine Reihe Birken auf den Platz vor dem Eingang des Lagers. Das Lager liegt vor ihm wie ein Ort, aus dem das Grauen schon lange ausgezogen ist. Hier haben Deutsche Menschen vergast, verhungern lassen, erschossen, gequält, Leben zermalmt. Jetzt rostet der Stacheldraht, rechts reihen sich in der Sonne blitzende Reisebusse aneinander, hinter Berat und den anderen Jungs wuselt das Durchschnittstouristenleben: Eine Gruppe deutscher Rentner mit Bauch- und Handygürteltaschen wartet, eine Frau führt eine chinesische Gruppe mit einem Schirm bewaffnet Richtung Eingang. Ein Vater kauft seiner Tochter ein Eis.

Berat und die anderen gehen in ein kleines dunkles und gefliestes Häuschen. Direkt hinter der Tür stehen zwei Metalldetektoren, hier ist der Übergang ins Lager. Berat legt sein Handy und seinen Camcorder in eine abgegriffene Plastikschale und geht durch den Detektor. Dahinter sammelt sich die Gruppe wieder, jeder bekommt einen fimseligen Kopfhörer, damit auf dem Gelände nicht geschrien werden muss. Berat legt seinen Kopfhörer um, und dann drückt ihm eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte den Sticker in die Hand, der ihn zum Deutschen macht.

Der Sticker hat eine neongelbe Umrandung, „DEUTSCH“ steht darauf. Darunter: „Auschwitz-Birkenau“. Die Aufkleber bekommt jeder. Sie sollen klarmachen, wer zu welcher Tour gehört, „ENGLISH“ hat eine orangene Umrandung.

Berat heftet sich den Sticker ans T-Shirt und geht Richtung Drehkreuz. Es piepst, dann tritt er vom kühlen Fliesenboden der Hütte auf den staubigen Boden des Lagers. Er rennt vor zu den anderen, breitet die Arme aus und hängt sich zwischen die Schultern von Max und Tim. Hinter einer Birke, die sich im Wind wiegt, wird der Schriftzug über dem Eingangstor des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz I sichtbar: „Arbeit macht frei.“

Das Lager ist ein stiller Ort. Die Jungs schweigen, während sie über ausgetretene Stufen durch die dunklen ehemaligen Kasernen geführt werden, in denen Häftlinge unter erbärmlichsten Bedingungen hausen mussten. Die Führerin erzählt, dass auf den Treppen und Fluren früher Menschen in ihren eigenen Exkrementen lagen, weil es zu wenig Toiletten gab. Die Geschichte der Vernichtung ist unsichtbar, sie kommt scheppernd durch den Kopfhörer. Jetzt sind die Flure gefegt, die Laufrouten für die Touristen mit Absperrpömpeln festgelegt. Die Betten der SS-Offiziere in den Baracken sind gemacht, ihr Geschirr steht sauber aufgeschichtet auf dem Tisch. „Alles ist im Originalzustand“, sagt die Führerin.

Berat wandelt durch die Ausstellung, als wäre er allein hier, raus aus dem Dunkel der Baracken, auf den sonnigen Hof, in die nächste Baracke, in der leinwandgroße Propagandafotos der SS hängen: die Sortierung der Häftlinge und ihrer Sachen. Die Vernichtung fotografierten sie nie. Die Bilder sollten zeigen: So schlimm ist es hier gar nicht.

Berats Mund wird schmaler, seine Schultern hängen, ab und zu stemmt er die Hände in die Hüften. Erst in einem Flur wird er lebhafter. Hier hängen Bilder von Häftlingen, die bei deren Ankunft im Lager gemacht wurden. „Der sieht aus wie du“, sagt er und zieht Tim zu sich. „Guck!“

“Der sieht echt aus wie ich“, sagt Tim.

“Mach ma 'n Foto.“ Berat zückt sein Smartphone, Tim stellt sich unter das Bild und lächelt. Dann ziehen sie schweigend weiter.

Im nächsten Raum sind die Fenster verhängt, Dutzende Koffer liegen gestapelt hinter Glas. Berat geht an ihnen vorbei, die Arme hinter dem Körper verschränkt, die Augen weit. Links und rechts schleifen andere Touristen mit ihren Schritten den gefleckten Boden. Auf die Koffer sind mit weißer Kreide sorgsam geschwungen Namen und Geburtsdaten ihrer ehemaligen Eigentümer geschrieben. Berat bleibt stehen und macht ein Foto. Souheil nähert sich von hinten, legt ihm den Arm um die Schulter. Sie gehen vorbei an Bergen aus Emailletöpfen, -tassen und -schüsseln hinter Glas. Drei Schritte weiter: ein Berg Schuhe. Ein Berg Bürsten. Hunderte ineinander verworrene Brillengestelle.

Danach ist Pinkelpause vor Block 18. Berat setzt sich auf die Stufen des unverputzten Klinkerbaus und sagt, die Augen zusammengekniffen: „Bruder, ich war so wütend, als ich das eben gesehen habe, ich wollte schreien, ich hätte am liebsten die Scheibe zerschlagen.“ Man sieht ihm die Wut nicht an. Keinem hier sieht man etwas an. Sie sitzen und schweigen. Es geht nicht mehr um Zidanes Kündigung als Trainer von Real, wie vorhin, als sie mit Pizza vollgegessen auf dem Marktplatz von Oświęcim unter den Geranien saßen. Jetzt rappt keiner mehr eine Line wie abends im Hostel, keiner rangelt oder albert herum.

Robin flieht mit einem Blick ins Handy, Berat schaut ins Leere. Tim sagt: „Das ist einfach so krass.“ „Ja, Bruder“, antwortet Berat. Mehr ist nicht.

Um sie herum gehen Männer und Frauen mit geflochtenen Hüten und in Funktionshosen von Baracke zu Baracke. Schwalben schießen durch die Zwischenräume, ihre Jungen nisten im Giebel und piepsen ununterbrochen. „Es ist so komisch einfach, es ist so schön hier. Weißt du, ich schaue links und da ist das Gras, da sind diese Häuser, die aussehen wie bei mir zu Hause. Und rechts steht der Stacheldraht“, sagt Berat.

Je länger der Rundgang, desto tiefer sinkt Berats Kopf, seine Augen verengen sich zu Schlitzen. Er schaut zu Boden, schlurft über den Kies, der unter seinen Füßen knarzt, die weißen Sohlen seiner Nikes sind staubig. Berat weint nicht, er schreit nicht, er atmet nicht erschüttert aus, während die Führerin erzählt. Zwischen den Stacheldrahtgängen, wo früher Kinder zu den Experimenten von Josef Mengele gebracht wurden, gibt er Vladi sein Handy und sagt: „Bruder, mach mal 'n Foto.“ Berat macht die Schultern breit und schaut in die Kamera. Dann lässt er sie wieder sacken und trottet davon.

Berat will den Holocaust verstehen, indem er ganz nah rangeht und die Hand über die Kratzspuren an der Wand der Gaskammer hält. Er will das Leid spüren, hören, sehen. Wenn der Holocaust droht zu nah zu kommen, hält er sein Smartphone dazwischen.

Als die Jungs das Lager verlassen, lacht er wieder. Hinter dem Zaun kommt das Leben zurück, es wird wieder gegessen, getrunken und geselfiet. Er setzt sich auf den strahlend grünen Rasen und isst mit den anderen Milchbrötchen.

Nach dem Besuch geht Berat zurück über die gepflasterten Bürgersteige, zurück über die Soła, und je länger er geht, desto breiter wird sein Gang, bis er wieder auf dem Marktplatz steht, wo die Geranien blühen. Es ist fast 18 Uhr und jetzt muss er erst mal schlafen. „Nachdenken, Bruder. Morgen reden wir“, sagt er und verabschiedet sich.

Am nächsten Tag biegt er hinter der Soła links ab und schlendert hinunter ans begrünte Ufer, wo eine Kuh grast, bewacht von einem Mann ohne Zähne. „Ich hatte im Lager das Gefühl“, sagt Berat, „dass sich meine beiden Identitäten kreuzen. Einerseits bin ich Deutscher, und als Deutscher wäre ich Täter gewesen, ich hätte den Frauen bei der Einweisung ins Lager den Kopf kahl rasiert.“ Aber dann habe er sich vorgestellt, dass seine Mutter als Türkin vielleicht Häftling gewesen wäre, wie sie sich nackt hätte ausziehen und er ihr die Haare hätte abschneiden müssen. „Das hat mich wütend gemacht.“ Er hebt seine Arme, um seine Gedanken zu sortieren.

“Ich würde auf jeden Fall keinen Witz mehr über den Holocaust bringen. Aber ich vermute schon, dass ich ab und zu noch sagen werde: du Jude. Aber ich würde nicht sagen: Ich verbrenne dich wie die Juden in der Gaskammer. Weil: Das gesehen zu haben, war einfach krass.“ Und wenn seine Kollegen solche Sprüche bringen, würde er mit ihnen schimpfen.

Berat erzählt, für ihn verlaufe ein Spalt durch die deutsche Geschichte: „Deutschland, das ist eine Demokratie. Deutschland, das sind coole Leute und Spaß. Das alte Deutschland ist nicht das Deutschland von heute.“ Aber die Geschichte werde immer zu Deutschland gehören, sagt er. „Deshalb kann Deutschland gar nicht sagen, wir nehmen keine Flüchtlinge auf. Weil: Wir sind ja der Grund, warum die Juden geflüchtet sind.“ Er sagt das so daher, ganz selbstverständlich. Aber zum ersten Mal setzt er ein „Wir“ zu „Deutschland“.

Der Text ist zuerst auf ZEIT Campus ONLINE erschienen.


Die Frau in Hitlers Badewanne

17. April 2016

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Am 30. April 1945, als Hitler sich in Berlin erschießt, liegt die Fotografin Lee Miller in seiner Badewanne. Am Badewannenrand lehnt ein Portrait von ihm, Hitler schaut sie an, diese Frau in seiner Wanne. Später raucht sie eine Zigarette im Bett von Eva Braun.

Miller hat den Zweiten Weltkrieg fotografiert. Sie war die einzige weibliche Kriegsfotografin an der Westfront. Als die Amerikaner Dachau und Buchenwald befreiten, hielt sie ihre Kamera in Eisenbahnwaggons, in die die Nazis ihre toten Gefangenen geworfen hatten, einen über den anderen, Haufen verhungerter, misshandelter Menschen.

Sie hielt ihre Kamera auch vor das Gesicht eines gefangen genommenen SS-Wärters in Buchenwald, der mir mit wahnsinnigem Blick entgegenstarrt. Sein Gesicht ist verformt, der Kiefer breitgeschlagen von amerikanischen Soldaten, die nicht fassen konnten, was sie sahen. Auch ihre Blicke hat Miller festgehalten.

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In einer Collage von 1944, erschienen in der amerikanischen Vogue, beschreibt Miller das Deutschland des Zweiten Weltkriegs:

Ein Schnappschuss zeigt zwei Mädchen, ihre Haare sind zu Zöpfen geflochten. Sie führen zwei jüngere Kinder eine ruhige Dorfstraße entlang. Die Mädchen tragen weiße Kleider, sie lächeln in die Kamera.

Germans are like this. German children, well-fed, healthy.

Vier Paar Beine stehen vor einem Haufen Knochen. Drei von ihnen tragen die schwarz-weiß-gestreiften Hosen des KZ Dachau. Die Knochen stammen von verhungerten Gefangenen. Der Haufen reicht bis zu ihren Knien.

Germans are like this. Burned bones of starved prisoners.

Am Samstag vor zwei Wochen war ich auf Empfehlung einer Freundin in der Ausstellung zu Lee Millers Arbeit im Martin-Gropius-Bau. Sie hatte mir von Millers Lebenslauf erzählt, und da ich ohnehin um die Ecke war, wollte ich mir das – trotz des schönen Wetters – ansehen.

1907 geboren, wurde Miller mit 19 Jahren Model für die Vogue. Einige Jahre später zog sie nach Paris, fotografiert und lebt mit dem Surrealisten Man Ray zusammen. 1937 trennt sie sich von Ray und zieht mit dem Künstler Ronald Penrose, ebenfalls Surrealist, nach Ägypten, fährt später mit ihm durch halb Europa. 1939 gehen die beiden nach London. Dort fotografiert sie Models in Designerkleidung in der vom Blitzkrieg zerbombten Stadt.

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Nach dem Krieg leidet Miller unter Depressionen, die Bilder aus den Konzentrationslagern holen sie immer wieder ein. Mit Penrose, den sie 1947 heiratete, zog sie sich in ein Haus in East Sussex zurück. Sie starb 1977.

Ich hatte vorher noch nie was von Miller gehört und war beeindruckt von diesem Lebensweg in Fotos: Von surrealistischen Aufnahmen aus Paris und Kairo, über Modefotografien in London zu den Gefangenen in Dachau und Buchenwald, bis hin zu Hitlers Badewanne. Ein Besuch lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Juni und kostet sieben Euro (ermäßigt fünf).

Bild eins und drei: David E. Sherman & Lee Miller/Pressebilder des Martin-Gropius-Bau.


Knoblauchmayonnaise

04. Februar 2016

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Knoblauchmayo zu machen ist ein Gedicht, genauer: ein Haiku.

Knoblauch pressen, mit
Eigelb aufschlagen und langsam
Öl hineinträufeln

Okay: 5 – 8 – 5 statt ganz klassisch 5 – 7 – 5, aber immerhin.

Jetzt nochmal als Ballade:

Oh Gott, Mayonnaise. Gibt es was besseres, als krosses Weißbrot in selbstgemachte Mayonnaise zu tauchen? Natürlich. Aber dafür muss man dann auch mehr tun als Eigelb mit Öl zu mischen. Nach einem langen Tag kann selbstgemachte Knoblauchmayonnaise sehr, sehr glücklich machen. Mich zumindest. So geht’s:

Ich habe einen Zauberstab, deshalb mixe ich die Mayonnaise in einem hohen Gefäß. Wer mit dem Schneebesen arbeitet, sollte eine große Schüssel mit rundem Boden nehmen.

Für ein Glas Mayonnaise zwei Eigelb in das Gefäß geben, und eine Prise Salz dazugeben. 100ml Erdnussöl und 200ml Olivenöl bereitstellen.

Jetzt ein paar Tropfen Erdnussöl zum Eigelb geben und schlagen, bis sich das Eigelb und das Öl vermischt haben. Wieder ein bisschen zugeben, rühren und immer abwarten, bis das Öl sich mit der Masse vermengt hat. Erst dann nachschütten. So lange fortfahren, bis das Erdnussöl aufgebraucht ist. Dann mit dem Olivenöl genauso verfahren. Hat die Mayonnaise die gewünschte Konsistenz, muss man auch nicht das ganze Öl aufbrauchen.

Zwei bis drei Zehen Knoblauch in die Mayo pressen und gut durchrühren. Mit Zitronensaft, Salz & Pfeffer würzen. Ist die Mayo zu steif, ganz wenig warmes Wasser zugeben (ein Esslöffel reicht erstmal locker, sie wird sehr schnell dünner).

Brot kross toasten, tunken, glücklich sein.

Bei meinem ersten Versuch haben sich Eigelb und Öl nicht gemischt. Lösung: Einfach in ein frisches Gefäß ein frisches Eigelb geben und den „Fehlversuch“ tröpfchenweise hinzugeben, bis sie sich vermengen.

Man braucht kein Erdnussöl, man kann jedes beliebige Öl nehmen und experimentieren, wie sich der Geschmack verändert.

Das Rezept für die Mayo stammt aus Nigel Slaters Kochbuch „Einfach genießen“. Darin auch enthalten: Einfache Rezepte und eine Einführung, welche Pfanne man wirklich braucht (Grillpfanne. Diese zum Beispiel), und welcher Topf am vielseitigsten ist (Sauteuse). Und vor allem eine Anweisung: Entspann dich. Kochen ist schön, Pizza bestellen aber auch. Alles hat seine Zeit und wer nicht kocht, muss sich nicht schuldig fühlen. Verpasst aber einiges. Denn nicht nur die Mayo schmeckt super.


↬ wirres.net: schulz und böhmermann s01e04

03. Februar 2016

Die vorerst letzte der vier Folgen Schulz und Böhmermann ist am Sonntag gelaufen und Felix Schwenzel hat nichts auszusetzen:

die moderatoren hatten in dieser sendung ausnahmsweise keine angst etwas falsch zu machen. das ist deshalb bemerkenswert, weil böhmermann in der zweiten sendung absichtlich und platt versuchte die grenzen des guten geschmacks zu überscheiten und zu provozieren — und dann in der dritten sendung vor samuel koch den schwanz einzog, aus angst etwas falsches zu sagen oder grenzen des guten geschmacks oder humors zu überschreiten.

Die vierte Folge war routiniert und wirklich gute Unterhaltung. Allerdings fand ich das Gelaber über den geplanten Tod von Sophie Hunger öde: Als junger Mensch etwas davon herzureden, dass man schon genau wisse, wie man sterben will, macht auf mich immer den Eindruck, als wolle man sich als total tiefsinnig und abgeklärt präsentieren. Aber ansonsten scheint Sophie Hunger ja ziemlich cool zu sein, Felix hat heute gleich Links zur Verfügung gestellt, um direkt Fan zu werden. Muss ich mir mal anschauen. Die vierte Folge fand ich aber höchstens am zweitbesten, die beste war für mich die zweite. (Die übrigens als erstes gedreht wurde, also eigentlich die erste war.)

Felix hatte sich über die zweite Folge ziemlich aufgeregt und damals wollte ich auch schon was dazu schreiben, aber ich war dann zu faul und jetzt passt es besser rein, weil man dann eine schöne Gesamtbetrachtung machen kann. Er schrieb „damals“:

ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn sendungen eskalieren und aus der kontrolle geraten. aber wenn die eskalation von den moderatoren ausgeht, die zappeln, schreien, schimpfen oder drohen lebende goldfische zu pürieren und sich weder das publikum, noch die gäste mitreissen lassen, dann wirkt das gewollt und öde. in dieser sendung hat sich jan böhmermann bemüht, seine provokationen auf dem niveau des sendungsthemas (kindergeburtstag) zu halten. das war sehr schade und sehr flach.

Die zweite Folge war albern und laut (vor allem, weil Böhmermann neben Katrin Göring-Eckart herumgeschrien hat), das stimmt. Aber auf mich wirkte das Gespräch wie ein gemütlicher Abend mit Freunden, die sich schon eine Weile kennen: Nach dem Abendessen sitzt man noch zusammen und trinkt einen Wein nach dem anderen. Da echauffiert sich einer halb ernst, halb künstlich sehr laut über ein Thema und die Angeschriene schmunzelt vor sich hin, denn man kennt sich ja. Da fällt jemand vom Stuhl und ja, es ist kindisch, aber eben in dem Moment zum Schreien komisch. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Gäste sich von dem ganzen Quatsch ausgeschlossen fühlten, sondern das gerne mitgemacht haben. Und ich fühlte mich, als säße ich mit am Tisch. Richtig gute Unterhaltung.

Das waren, finde ich, die besten Momente bei Schulz und Böhmermann: Wenn die Moderatoren offensichtlich Spaß haben und die Gäste dabei mitmachen, nicht weil sie drum gebeten werden, sondern weil sie sich wohl fühlen. Da können auch die Witze flach sein. Und diese Intimität auf einer Bühne vor Kameras zu erzeugen, finde ich beeindruckend.

Das Ganze kann aber auch kippen, wie man in der dritten Sendung gemerkt hat, wo beide Moderatoren vor allem bei Samuel Koch total und beim Langen Tünn fast-total versagt haben und Katrin Bauerfeind Herrn Koch das dann auch noch in die Schuhe schieben wollte (Nach dem Motto: „Mach doch auch mal nen Witz“). Das sind eben die Gefahren, wenn die Moderation sich in erster Linie um sich selbst kümmert. Das zog sich störend durch alle Folgen: Wenn Antworten der Gäste nur als Vorlage für den nächstbesten Gag dienen und nicht wirklich zugehört wird. Ich habe das Gefühl, Olli und Jan haben Schwierigkeiten, nicht in ihr Sanft & Sorgfältig-Geplapper abzugleiten und alles um sich herum zu vergessen. Die beiden haben eine gute Dynamik, aber sie müssen eben immer wieder aufpassen, dass sie die Gäste nicht hinter sich lassen.

Nach vier Folgen finde ich war ein schöner Mix aus schlechten, mittelguten und super Folgen dabei und ich hätte gerne mehr davon. Vor allem, dass die Sendung in jeder Folge zwischen total albernen und sehr interessanten Gesprächen changiert, sorgt im besten Fall für dieses „Ein schöner Abend mit alten, sehr interessanten Bekannten“-Gefühl.

Ich bin sicher, dass Schulz & Böhmermann genauso gut altern wird wie Roche & Böhmermann, die man sich (zumindest teilweise) immer noch super auf YouTube anschauen kann, ohne sich zu langweilen. Das ist eine ziemliche Leistung und würde ich von keiner anderen Talkshow behaupten.


Ich habe eine Woche lang mein Leben optimiert. Glücklicher gemacht hat es mich nicht.

03. Februar 2016

klimmzug

„Warum habe ich mich auf den Quatsch eingelassen?“ frage ich mich, während ich in einem Park an einer Metallstange hänge. Meine Arme habe ich durchgestreckt, meine Fußspitzen baumeln kurz über dem Boden. Es ist Anfang Januar, es ist kalt, es regnet. Und ich hänge an der Stange wie wie ein nasser Sack.

Warum? Ich bin ein Versuchskaninchen der Redaktion: Eine Woche soll ich mich selbst optimieren, mithilfe von Apps, Internet und guten Vorsätzen. Wir wollen herausfinden, was das mit uns macht. Oder besser gesagt: mit mir. Deshalb lasse ich mir seit ein paar Tagen von meinem Smartphone sagen, ob ich gut geschlafen habe. Eine andere App zählt meine Schritte durch Berlin. Anfangs habe ich auch meine Kalorienzufuhr im Smartphone notiert, aber das war mir schon nach zwei Tagen zu blöd: Habe ich nun 200 Gramm Nudeln gegessen, oder 250 Gramm? Wie viel Kalorien hat die Bratensauce in der Mensa? Mir doch egal. Stattdessen helfe ich mir mit guten Vorsätzen aus: keine Süßigkeiten aus dem Supermarkt nur selbst zubereitetes Süßes ist erlaubt. Keinen Alkohol. Viel Gemüse. Und viel Sport.

Nach dem Training trinke ich einen Eiweißshake. Er schmeckt scheußlich

Möglichst günstig soll der Spaß sein. Im Internet bin ich auf eine Community gestoßen, deren Mitglieder „Body Weight Training“ betreiben. Das sind Kraftübungen, die ich mit wenigen Hilfsmitteln mit dem eigenen Körpergewicht ausüben kann. Fast überall, ohne Fitnesscenter. Deshalb hänge ich jetzt bei Regen im Park an einer Stange herum und soll mich hochziehen, einen Klimmzug machen. Ich spanne meine Bauchmuskeln an, spüre plötzlich meinen ganzen Körper. Meine Gesichtsmuskeln verziehen sich zu einer Fratze. Ich ziehe und ziehe, aber die Stange kommt nicht näher. So wird das nichts. Die Leute im Internet predigen in diesem Fall: „no excuses“, keine Entschuldigungen. Wer noch keinen Klimmzug kann, beginnt nicht mit ausgestreckten Armen, sondern springt in die Endposition und lässt sich langsam herunter. Bis zu acht Mal. Oder bis ich keine Kraft mehr habe. Ich schaffe fünf Wiederholungen. Vor den Kraftübungen habe ich bereits zehn Minuten lang einen Handstand an der Wand geübt. Eine Stunde geht das Training, danach laufe ich nach Hause und trinke einen Eiweißshake, um meine Muskeln mit Proteinen zu versorgen. Die Leute im Internet sagen, das muss ich machen, sonst ist alles umsonst. Er schmeckt scheußlich.

Mein Handy sagt, ich soll weiterlaufen. Also laufe ich

Gesund leben ist ein Trend: Bio-Supermärkte öffnen in Teilen Berlins, wo bisher nur Dönerbuden waren. Früher war es etwas besonderes, Vegetarierin zu sein. Die Zeiten sind vor bei, die cool kids ernähren sich heute vegan. Es gibt Yoga für Studierende, für Kinder, für Mütter, für Senioren. Und im Silicon Valley werden Arm- und Halsbänder erfunden, die unsere Schritte zählen, uns beim Schlafen überwachen, uns helfen wollen, uns besser zu ernähren. „There’s a better version of you out there. Get up and find it.“ – Eine bessere Version von mir verspricht mir ein Hersteller eines Fitness-Armbands. In seinem Werbevideo sind lauter schönen Menschen, die in der Abendsonne laufen gehen. An sie muss ich denken, als ich an einem düsteren Nachmittag joggen gehe. Ich schwitze, spüre meine Hände kaum, weil der Wind so kalt ist. Ich fühle mich schrecklich, aber mein Handy sagt, ich muss noch zwei Kilometer weiterlaufen. Also laufe ich.

Die Idee, alle möglichen alltäglichen Aktivitäten zu messen, kam der sogenannten „Quantified Self“-Bewegung. Wenig überraschend wurde auch sie im Bereich um San Francisco gegründet. Und es geht nicht nur um Fitness: auf der Website der Bewegung sprechen junge und gut aussehende Menschen davon, wie sie Daten sammeln, um pünktlicher zu sein, ihre Zeitverteilung zwischen Zuhause und ihrem Arbeitsplatz zu optimieren und die Zusammensetzung ihres Kaffees zu messen. Je mehr Daten, desto besser. Wer das eigene Verhalten aufzeichnet, der verbessert es auch, das ist die Logik. Diese Idee ist nicht neu: wer zu viel Geld ausgibt, hat oft das Problem, dass sie nicht weiß, wofür. Und wer abnehmen möchte, dem empfehlen Ärzte, die eingenommenen Mahlzeiten zu notieren. So hat man einen Ausgangspunkt und weiß, woran sich arbeiten lässt. Früher geschah das mit Papier und Stift. Neu ist jetzt, dass es Sensoren und Smartphones gibt, die jederzeit wissen, wo wir sind, was wir machen und ob uns das gut tut. Sie überwachen mich und sagen: da geht noch was.

Eine App weiß genau, wann ich wo war. Inzwischen hat Facebook sie gekauft

Eine Woche gehe ich joggen, mache Klimmzüge und gehe zum Yoga. Meine Schrittzählerapp hält mich dazu an, jeden Tag mehr zu Fuß zu gehen. Mein Schlaftracker sagt mir: du hattest heute Nacht eine Schlafeffizienz von 82%. Weniger als 85% ist schlecht. Wie ich mich nach dem Aufstehen fühle, ist plötzlich egal. Die Apps wissen alles besser als ich. Sie wollen nur mein Bestes, sagen sie mir. Aber ich glaube das nicht. Was sie alle wollen: meine Daten. Ich soll ein Konto anlegen, um meine Ernährungsdaten, meine Bewegungsmuster und mein Schlafverhalten auf die Server der Hersteller zu senden. Damit sie ihren Service verbessern können, sagen sie. Die App, die meine Schritte zählt, weiß genau wann ich wo war und wie ich dort hingekommen bin. Sie misst die Geschwindigkeit, mit der ich mich fortbewegt habe und weiß: du bist S-Bahn gefahren, um 9:58 Uhr bist du bei der Arbeit angekommen. Und sie will, dass ich diese Infos mit ihrem Hersteller teile. Früher war die App kostenpflichtig, dafür gehörten den Nutzerinnen ihre Daten. Inzwischen ist die App kostenlos. Facebook hat sie gekauft.

Im Laufe der Woche merke ich vor allem wie zufrieden ich mit mir bin. Die angenehmste Zeit habe ich beim Yoga, bei der keine App mir sagt, was ich besser machen soll. Stattdessen entspanne ich mich einfach im „Abwärts schauenden Hund“. Danach schwebe ich über den Asphalt. Es ist wunderbar. Klar, ich mache zu wenig Sport und bin gelegentlich unpünktlich. Aber ich bastele deshalb keine App, sondern gehe früher von Zuhause los. Am leichtesten fallen mir die guten Vorsätze, die ganz ohne App auskommen: statt Pommes esse ich Bohnen zum Schnitzel. Statt einem Schokoriegel zum Nachtisch gibt es eine Banane. Schmeckt auch gut. Es ist mir unangenehm, dass ich nicht mal im Schlaf meine Ruhe vor meinem Handy habe, das unter dem Kopfkissen liegt, damit mir am nächsten Morgen eine App sagen kann, ich habe schlecht geschlafen. Als die Woche rum ist, lösche ich deshalb alle Apps von meinem Handy. Abends gehe ich auf eine Party und trinke mehr, als mir gut tut. Aber das ist mir egal. Das war es wert. Nur an dem Klimmzug arbeite ich noch.

Der Text ist schon ein Jahr alt und ursprünglich auf dem Jugendblog des Tagesspiegels erschienen. Aus aktuellem Anlass (gute Vorsätze und so), veröffentliche ich ihn hier nochmal.


„Taxi?“

27. Januar 2016

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Die wohl häufigste Frage auf Kuba lautet: „Taxi?“ Sie wird uns über vierspurige Straßen zugebrüllt, in engen Gassen zugeflüstert und auf großen Parkplätzen von Oldtimerbesitzern mit weit geöffneten Armen und einladendem Lächeln gestellt. Die Oldtimer sind kein zu viel fotografiertes Klischee, sondern tatsächlich überall auf Kuba unterwegs. Nach der Revolution von 1959 kamen keine westlichen Autos mehr nach Kuba. Deshalb reparieren die Kubaner die alten Fahrzeuge seit Jahrzehnten. Wer keinen alten Chevy oder Cadillac hat, fährt Lada.

Autos sind wertvoll: Wer eins hat, kann Taxi fahren. Und Taxi fahren bringt mehr Geld ein, als jeder andere Job: Der Lohn scheint für fast alle Berufe gleich zu sein und zwischen 15 und 20 CUC pro Monat zu liegen – aber eine Touristin zum Flughafen zu fahren, bringt bereits 25 CUC. Gerade in Havanna sind die Taxifrager tagsüber deshalb überall. Autos sind dabei nur eine von drei Alternativen. In Havanna teilen sie sich die Straße mit Rikschas, die durch jede Gasse heizen. Die Rikschas haben meist keine Klingel, deshalb haben sich die Fahrer einen lauten Pfiff antrainiert, um unaufmerksame Passanten zu verscheuchen. Die dritte Alternative begegnet uns außerhalb von Havanna. Dort sind Taxis meistens Pferdekarren.

Als wir abends tatsächlich ein Taxi brauchen, finden wir zunächst keins. Halb Havanna scheint unterwegs zur nächsten Bar zu sein. Wir warten auf dem Bürgersteig und winken den vorbeifahrenden Wägen zu. Nach einigen Minuten bremst ein himmelblauer, kurviger Chevy auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf der vorderen Sitzbank sitzt bereits ein Pärchen rechts vom Fahrer, auf der hinteren ein junger Mann.

Noch vor dem Einsteigen beginnt der wichtigste Teil der Taxifahrt: Der Preis muss verhandelt werden. Wir wollen nach Vedado, einem Stadtteil im Nordwesten Havannas, knapp fünf Kilometer von unserer Wohnung in Centro Habana entfernt. Der Fahrer beginnt scheinbar zu überlegen. Dabei hat er sicher längst einen (zu hohen) Preis im Kopf. Er schlägt zehn CUC vor, knapp zehn Euro. Wir bieten fünf. Ein prüfender Blick – einsteigen bitte. Was die Einheimischen zahlen? Keine Ahnung. Als wir am Vorabend zwei Kubanerinnen für uns verhandeln ließen, zahlten wir vier CUC für eine Fahrt – was sie ohne uns gezahlt hätten, vergaßen wir zu fragen.

Wir steigen ein. Gurte gibt es auf den breiten Sitzbänken keine, amerikanischer Pop plärrt aus dem nachgerüsteten, importierten Markenradio. Das Pärchen steigt etwas weiter die Straße herunter aus, der Mann, der mit uns auf der Rückbank saß, rutscht vor. Er ist der Kollege des Fahrers – oft fährt einer den Wagen und der andere kassiert das Geld. Auf dem weichen Sitzpolster wogen und kurven wir durch Havannas Straßen, jedes Schlagloch vermeidend. Außer Taxis sind kaum Autos unterwegs. Die Laternen und die Rückleuchten der Oldtimer tauchen Havannas Straßen nachts in rotes und gelbes Licht. Die Bürgersteige sind nicht beleuchtet, deshalb scheinen am Straßenrand nur einzelne Verandas neonweiß hervor. Nach knapp zehn Minuten sind wir da.

Ich bin im Januar zehn Tage durch Kuba gereist. In mehreren Beiträgen halte ich die Stimmung auf Kuba und die Eigenheiten des Landes fest.